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Leicht unsortierte Gedanken zum Filesharing

Sonntag, 14. Februar 2010

Vorweg: Ich bin kein Anwalt, will keiner sein und wer mir das unterstellt, den werd ich mal privat aufsuchen m√ľssen ūüôā

Den K√∂nigsweg, das einzig zukunftstaugliche Gesch√§ftsmodell kenne ich nicht, behaupte auch nicht ihn zu kennen und zweifel auch, dass es das Eine √ľberhaupt gibt.

Der Punkt hier ist: Filesharing existiert und ist zumindest in jugendlicheren Bevölkerungsschichten ein Massenphänomen. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich der Meinung, dass die derzeitige Taktik der Musikindustrie und ihrer Anwälte, die Fans mit empfindlich kostenpflichtigen Abmahnungen zu bedenken, ein absoluter Holzweg ist und möglichst mit sofortiger Wirkung wirksam unterbunden gehört.

Man kann durchaus argumentieren, dass es moralisch fscahl sei, Musikdateien auf der Festplatte vorliegen zu haben, f√ľr die man nichts bezahlt hat. Man m√∂ge mir dann aber bitte schl√ľssig herleiten, warum ebendies nur dann tats√§chlich illegal ist, wenn man an die jeweilige Datei via P2P-Filesharing gekommen ist, es aber meines Wissens nach legal ist, das absolut selbe Ergebnis zu erzielen, indem man die Streams von Webradios mitschneidet oder gar Youtube-Videos im Zweifelsfall per Browserplugin mit einem Klick automatisiert als MP3 auf die Festplatte holt. Der juristische Unterschied ist hier der Upload an Leute, die man nicht unbedingt kennt. In Anbetracht der alternativen, kostenlosen, legalen Beschaffungsm√∂glichkeiten ist aber in meinen Augen dieser Unterschied auch irgendwie √ľberholt.

Jedenfalls jaulen ja bekannterweise die Musikindustrie, ausgew√§hlte J√ľnger und andere Vollpfosten schon seit Jahren mal aus mehr oder weniger unlauteren Gedanken raus: Filesharing is killing music (In den 80ern auch bekannt als: Home taping is killing music). Illegale Downloads (seit Napster so um die Jahrtausendwende gro√ü wurde) seien vom Teufel und niemand kauft heutzutage mehr Musik.

Bis vor wenigen Jahren noch gab es keine M√∂glichkeit, Musikdateien zu kaufen. iTunes gibt es zwar schon eine Weile, aber lange Zeit davon ausschlie√ülich mit DRM-verseuchten Dateien, was den Kauf nicht unbedingt attraktiv und f√ľr Nutzer von Nicht-Mainstream-Betriebssystemen gar unm√∂glich macht. Es gab zwar oft die M√∂glichkeit, die gekauften Dateien (in begrenzter Anzahl) auf eine CD zu brennen und dann wieder in ein freies Format zu rippen, aber die Vorteile der digitalen Welt erst nach einem Zwischenschritt in die physikalische Welt nutzen zu k√∂nnen, das kann auch nur Apple den J√ľngern als Feature verkaufen ūüėČ

Kommen die Oberspezialisten und p√∂beln rum: „Nicht f√ľr Musik bezahlen, auf ein genehmes Gesch√§ftsmodell warten und solange Filesharing betreiben ist Erpressung. Und nur weil es viele machen und niemand so richtig juristisch durchblickt macht es das moralisch nicht vertretbar. Der einzige, der dar√ľber zu entscheiden hat, wann, wo und wieviel er f√ľr sein Produkt verlangen will, beziehungsweise muss, ist der Musiker selbst.“

Preise f√ľr Produkte (und irgendwie widerstrebt es mir im Inneren, von Musik hier als Produkt zu sprechen, dadurch wird sie zu sehr auf den kaufm√§nnischen Aspekt eingedampft und das tut ihr Unrecht) entstehen nicht aus der Luft raus (ausser eventuell bei Software Security Solution Providers und √§hnlichem Gesindel ūüėČ ). Man darf die Fixkosten nicht aus den Augen verlieren, muss die Grenzkosten absch√§tzen (was kostet es, „ein Produkt mehr“ herzustellen und an den Endverbraucher zu bringen) und das dann mit der erwarteten Anzahl von Verk√§ufen irgendwie in Einklang bringen, wobei nat√ľrlich der Endpreis auch einen gro√üen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat.

Genau hier sitzt auch ein Kernargument: Physikalische CDs verursachen signifikante Grenzkosten. Downloads tun das nicht, ihre Grenzkosten sind so nahe an der 0, dass man sie prinzipiell ignorieren kann.

Nun sieht man aber auch heute noch, dass sich die Preise f√ľr CDs und ihre Download√§quivalente auf √§hnlichem Niveau bewegen, so dass selbst einem Laien irgendwie klarwerden muss, dass hier im Zweifelsfall die Downloadpreiskalkulation sehr zu Ungunsten des Verbrauchers gef√ľhrt wird. 100 verkaufte Downloadalben f√ľr je 10 Euro erzeugen nunmal heutzutage den gleichen Gewinn wie 1000 verkaufte Einheiten f√ľr je 1 Euro. Und das ist keine Erpressung oder Bevormundung, wie die Musikindustrie gef√§lligst Preise kalkulieren soll, das ist ein Verbesserungsvorschlag, um P2P vergleichsweise uninteressanter zu machen, denn das ist in meinen Augen der einzige Weg, der zum Ziel f√ľhrt.

Einfachere Bezahlfunktionen und Zusatzfeatures sind hier ein weiterer L√∂sungsansatz. iTunes wurde in einer Zeit gro√ü, in der Filesharing schon als „Volkssport“ existierte und ich bin mir recht sicher, dass bei deren Erfolg hier nicht die Millionenklagen der Musikindustrie ausschlaggebend waren, sondern eher die Einfachheit des Kaufvorgangs. Mit P2P sind abgebrochene Downloads, Viren, schlechte/falsche Meta-Tags, Fake-Uploads und langsame Geschwindigkeiten bei obskureren Titeln an der Tagesordnung. Amazon MP3, iTunes und Konsorten haben all diese Nachteile nicht, verlangen daf√ľr einen Preis und – huch, √úberraschung – die Konsumenten nutzen die Angebote.

Und wenn man dann aus der √úberlegung noch einen Schritt weitergeht, kann man in der Tat bei „Kostenlos“ landen. Es wird weniger Geld mit dem Verkauf der Musik selbst verdient, aber daf√ľr immer mehr Geld mit Merchandising, Konzerten und anderen knappen G√ľtern.¬†Freemium-Modelle haben sich nicht nur bei Browserspielen bew√§hrt, sondern k√∂nnen, wie beispielsweise Radiohead als bekannterer Act, oder Sigur Ros als eher obskureres Beispiel vorgemacht hat, auch bei Musik funktionieren.

Kontern die geistig nicht so sehr Begabten: „Musiker allgemein w√ľrden dann auch nicht mehr von Einkommen leben, sondern von Spenden. Manche besser, manche schlechter. Aber sie w√§ren keine Produzenten mehr, die einen Beitrag leisten, sondern schlicht und ergreifend Bettler.“

Es ist doch eine ganz normale marktwirtschaftliche Absch√§tzung, bei welchem Preis (oder auch Preisabstufungen) der Gewinn vermutlich maximiert wird. Ein CD-Album, das nicht unter 100 Euro zu haben ist, wird wie Blei in den Regalen liegen und es gibt durchaus Versuche der Musikindustrie, ein abgestuftes Modell umzusetzen. Warum dann aus Werbe- oder auch Karmazwecken die absolute Grundversion nicht kostenlos sein darf, ohne dass der K√ľnstler sich als Bettler zu f√ľhlen hat, will sich mir nicht erschliessen. Wohlgemerkt werden die offiziellen Musikvideos heutzutage regelm√§√üig offiziell bei Youtube in hoher Qualit√§t hochgeladen und sind damit auch in ebenso hoher Qualit√§t auch kostenlos und legal gezielt downloadbar.

Lassen wir nochmal die Fans des inkoh√§renten Denkens zu Wort kommen: „Wenn du illegale Downloads f√ľr nicht so schlimm h√§lst, dann musst du ja gef√§lligst auch in Bus und Bahn Schwarzfahren, das ist ja genau das selbe!“

Hier ist das Stichwort: Verh√§ltnism√§√üigkeit. Schwarzfahrer sind mit recht geringem Aufwand zu finden und zu identifizieren. Um das selbe bei Filesharern zweifelsfrei hinzukriegen, sind schon ganz andere Mittel vonn√∂ten. Die Vorratsdatenspeicherung w√§re hier zwar denkbar, die Verwendung deren Daten wurde aber eben aufgrund der Verh√§ltnism√§√üigkeit gl√ľcklicherweise vom Bundesverfassungsgericht einstweilen auf schwere Straftaten eingeschr√§nkt und – wie hoffentlich nicht nur ich hoffe – zeitnah komplett gestrichen. Vergleichbar w√§re eher, wenn Schwarzfahrerei nur dadurch verhinderbar w√§re, jeder Person ein Zwangsimplantat mit RFID und Bezahlfunktion in die Sch√§deldecke zu implantieren – ungeachtet dessen, ob man die √∂ffentlichen Verkehrsmittel √ľberhaupt nutzen will. Ja, an dieser Stelle hinkt mal wieder der Vergleich zwischen physikalischer Welt und der Welt der Informationen, aber das tun solche Vergleiche irgendwie grunds√§tzlich.

Jedenfalls: Die gro√üen K√ľnstler gab und gibt es nach wie vor und diese verdienen auch weiterhin Geld mit ihrer Musik, trotz Filesharing. Kleine, junge, aufstrebende K√ľnstler haben dagegen dank Internet pl√∂tzlich die M√∂glichkeit, an den traditionellen Wegen vorbei bekannt zu werden – Mund-zu-Mund-Propaganda ist in Zeiten von Web 2.0 so effizient m√∂eglich wie noch nie vorher.

Mein eigentliches Argument, mit dem ich langsam zum Schluss kommen will: P2P geht nicht mehr weg, egal wie doll man mit dem Fu√ü aufstampft. Wenn die Musikindustrie √ľberleben will, muss sie Modelle finden um mit Filesharing konkurrieren zu k√∂nnen. Das tut sie langsam aber sicher auch immer mehr, aber das Festhalten an dem, wie es fr√ľher war, ist in Anbetracht der fortschreitenden Technik und wachsender Bandbreite halt nicht mehr m√∂glich. Ich sehe aber keinen grunds√§tzlichen Grund, warum es keine Koexistenz zwischen kostenlosem Filesharing und offiziellen Vertriebskan√§len geben k√∂nnen soll.