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An Shitstorms kannste schon teilnehmen, aber dann isses halt Kacke.

Donnerstag, 27. Februar 2014

In der Tat: Wir als Partei haben ein Problem.

Das Hauptproblem in meinen Augen sind aber nicht primär die dauernd aufkochenden Gates, sondern ihr innerparteilicher Umgang damit. Die Diskussionsunkultur, die mir oft als einziges Ziel zu scheinen hat, das Gegenüber maximal misszuverstehen. Oder kurz: Die Shitstorms.

Wenn grad mal wieder eine heftige Empörungswelle durch Twitter und Piratenmailinglisten zieht, mag es ja durchaus sein, dass die Empörung grundsätzlich sachlich begründet ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch in dem Ausmaß angemessen ist, in dem sie in der Summe geäußert wird. Und genau das halte ich für den Kern so einiger Probleme.

Ich würde mich echt nicht wundern, wenn jede einzelne Person, die gern mal Kommentare zu aktuellen Empörungsthemen abgibt (sei es per Twitter oder anderswo), von sich denkt, dass die eigenen Aussagen ja nicht übertrieben, ja, eigentlich sogar sehr sachlich waren und es nur darum ging, den eigenen Standpunkt zu vertreten. Und wenn es andere gibt, die im Fahrwasser des aktuellen Shitstorms mit teilweise echt widerlichen Kommentaren auftreten, nun, »Damit hab ich natürlich nichts zu tun, meine Hände sind sauber, ich bin und bleibe sachlich! Eine Distanzierung von denen ist aber natürlich nicht nötig, das ist ja völllig klar, dass ich das nicht gutheiße.«

Das halte ich persönlich schlicht und einfach für den flhscaen Ansatz.

Mitten in der größten Empörungswelle ist es meiner Meinung nach – wenn überhaupt – nur sehr schwer möglich, die eigene Meinungen so differenziert zu formulieren, dass die gefühlte „Gegenseite“ keine Möglichkeit hat, sie fahcls zu verstehen. Zu oft wird dann genau auf den meist nur sehr kleinen sprachlichen Ungenauigkeiten[1] rumgehackt. Und das zieht dann im Endeffekt nur die Eskalationsschraube ein Stückchen weiter an. Auch wenn die Empörung mit jedem Tweet und Facebook-Posting nur ein kleines bisschen weitergetrieben wird, liegt es nunmal im Wesen des Shitstorms, dass sehr viele „kleine Bisschen“ halt in der Summe doch was Größeres ergeben.

Dass gerade Twitter aufgrund der 140-Zeichen-Beschränkung und dem Echtzeitcharakter echt gut geeignet ist, um Missverständnisse zu fördern, muss ich hoffentlich nicht extra betonen.

Noch ein wenig absurder wird es übrigens dann, wenn Einzelne lautstark fordern, dass sich gefälligst auch andere, wie zum Beispiel Gebietsvorstände, SOFORT (!!!!1einself) am Shitstorm beteiligen sollen. Und um das Absurditätslevel noch ein wenig höherzuschrauben, wird dann, wenn nicht nach der eigenen Pfeife getanzt wird, sofort die Gelegenheit genutzt, um die Autorität und Legitimierung der angerufenen Gliederung in Frage zu stellen. Um das hier nochmal deutlich zu sagen: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe als Mitglied des Landesvorstandes an, Shitstorms aktiv voranzutreiben.

Als Faustregel gilt für mich: *Jeder* *einzelne* Beitrag zu einem laufenden Shitstorm ist ein Beitrag zu viel.

Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit hin und wieder auch während Shitstorms aktiv war. Aber ich versuche jetzt schon seit einiger Zeit, auf öffentlichen und leicht missverstandenen Kanälen, systematisch den Mund zu halten. Ein gelegentliches Fav-Sternchen oder ein halbwegs versteckter Kommentar rutscht mir schon noch raus, aber ich arbeite da durchaus sehr bewusst an mir.

Deshalb die ehrlich gemeinte Bitte: Versuchts doch einfach mal und lasst den nächsten Shitstorm links liegen[2]. Steckt eure Zeit nicht in Empörung, sondern plant Aktionen, sammelt Ideen, redet mit der lokalen Presse über eure Themen, schreibt eure Kommunal-, Landtags-, Bundestags, oder gar Europaparlamentsabgeordneten an oder tut sonstwas Konstruktives, um eure Lieblingsthemen zu beackern. Möglichkeiten gibt es dafür wahrlich genug, die für effektive Ablenkung sorgen können. Ich will mir gar nicht ausmalen, was es für tolle Ergebnisse hätte geben können, wenn Parteimitglieder allein schon im #bombergate nur halb so viel Zeit in inhaltliche Arbeit zu ihren Themen gesteckt hätten, wie sie sinnlos verbrannt haben, um Bilder von nackten weiblichen Oberkörpern auf Leberflecke zu analysieren und andere dann dazu zu überreden, es ihnen wegen »Denk selbst« gleichzutun.[3]

Denn sich nur über die „andere“ Seite (die übrigens inhaltlich wirklich nicht sooo weit von euch weg ist) aufzuregen mit dem Argument, dass die eigenen Themen dadurch ja in den Hintergrund geraten, halte ich für eine eher absurd-piratige Vorgehensweise. Mir fallen so einige „Gates“ ein (wenn es nicht gar alle sind), die es doch niemals in der Form in die Presse geschafft hätten, wenn es keine passenden Shitstorm dazu gegeben hätte. Shitstorms, die auch von Menschen angefeuert wurden, die sich im selben Atemzug darüber beschweren, dass wir in der Presse nur noch zu Themen erwähnt werden, die mit einem Shitstorm an die Öffentlichkeit gepusht wurden.

Denkt mal drüber nach.

[1] Die übrigens auch durch unterschiedliche Interpretation von einzelnen Worten (oft aufgrund schlichter Unkenntnis der historischen Vorbelegung derselben), anderen Sozialisierungen oder sonstigen Kleinigkeiten kommen können.

[2] Pun intended

[3] Jaja, ich weiß, wie realistisch das ist. Aber lasst mich doch bitte ein wenig träumen.

Von der Antifa und anderen Missverständnissen

Montag, 3. Februar 2014

Als Antwort auf den Blogpost unseren derzeitigen Landesvorsitzenden Cymaphore schrieb Bernd E. auf der #bwmist etwas, was mich zu einer Antwort zwang. Und da ich die Antwort gern nicht nur auf einer flüchtigen Mailingliste hätte, kommt also hier die Antwort:

Du zeigst mit dem Posting nur, dass du unter „Antifa“ etwas anderes verstehst als die Leute die sich über die AFA Fahnen aufregen.

Dies.

Und zwar nicht nur hier, sondern völlig im Herzen des Konfliktes.

Ich kanns echt nicht verstehen. Wirklich nicht.

Da hatten wir als Partei vor noch nicht ewig zurückliegender Zeit das Problem, dass aufgrund fehlender Strukturen jede*r Hinz oder Kunz, der was zu einer Pressevertretung sagte, als „Sprecher*in“ wahrgenommen wurde. Oder zumindest mit „Die Piratenpartei fordert…“ oder ähnlich in der Presse zitiert wurde.

Das fanden wir (zu Recht) ziemlich doof und haben uns (nicht nur deshalb) mehr Strukturen gegeben. Strukturen, die inzwischen meiner Meinung nach allerdings zu arg in die andere Richtung ausgeschlagen sind und wir tendenziell inzwischen zu viel auf solche teils eher belanglose Dinge wie Beauftragungen und offiziell verabschiedetes wortreiches Programm geben. Aber gut, das ist eine andere Baustelle.

Und jetzt? Was tun so einige, die das Problem „Fehlende Strukturen => Fehlende offizielle Aussagen“ eigentlich nur zu gut aus der eigenen Erfahrung kennen sollten? Richtig, Die Antifa[tm](c) wird erstmal über einen Kamm geschert und auf einige gewaltbereite Mitglieder*innen zusammenpauschalisiert. Großes Tennis, das.

Noch dazu – was haben wir uns über gefühlte Medienverschwörungen aufgeregt. Da wurde doch tatsächlich ne Zeitlang von allen Seiten nur über mehr oder weniger große Skandale geschrieben, statt sachlich orientiert unsere Inhalte zu analysieren und darüber zu berichten. Aber anstatt zu erkennen, dass die Medien halt gern Geschichten erzählen, weil Geschichten dafür sorgen, dass Zeitungen verkauft werden, wird das gern verbreitete Bild des Gewaltbereiten Antifa e.V. nichtmal ansatzweise hinterfragt.

Um es mal auf nen Punkt zu bringen: Die Antifa als feste Organisation gibt es genauso wenig wie irgendwie im Namen der Antifa Handelnde.

Das einzige, was Menschen eint, die unter der Antifa-Flagge handeln, ist – und das kommt jetzt für einige offensichtlich überraschend – der Antifaschismus. Nicht Steine werfen, Autos anzönden oder sonstige Gewalt gegen Dinge, auch kein ACAB oder „haut die Glatzen bis sie platzen“[1], sondern ANTIFASCHISMUS. Wörtlich: GEGEN FASCHISMUS. Nicht mehr, nicht weniger. Und so sehr ich es drehe und wende, ich kann daran nichts fhaslcse finden. Im Gegenteil erwarte ich eigentlich von jedem Mitglied dieser Partei, dass dies unwidersprochen bleibt. Das wurde ja auch oft genug in diversen Beschlüssen quer über alle Ebenen festgestellt, dass es durchaus als Grundwert bezeichnet werden kann.

Ich bin Antifaschist.

Ich bin Antifa.

Und weil wer A sagt, auch B sagen sollte, will ich grad noch ein wenig beim Rundumschlag weiter machen.

Was ich nämlich noch nicht verstehe, wie ein paar Menschen es schaffen, wochenlang (!) einerseits das sogenannte Flaggengate in ungeahnte Höhen zu empören und dann gleichzeitig der Partei vorzuwerfen, dass es offensichtlich ja nichts wichtigeres gibt. Srsly, wenn euch andere Themen wichtiger sind, dann KÜMMERT EUCH halt um diese anderen Themen, beackert sie. Recherchiert, ob auf Orts-, Kreis-, Landes-, Bundes-, Europaebene oder sonstwo entsprechende Entscheidungen anstehen. Macht Werbung dafür, schreibt von mir aus auch Anträge, überzeugt neue Menschen innerhalb und außerhalb der Partei. Aber versucht doch bitte nicht das Niveaulimbo und den Empörungshochsprung gleichzeitig zu gewinnen. Und das ist völlig ungeachtet davon, ob die derzeitige durchs Dorf getriebene Sau „Antifa-Fahne“ oder „Frauenquote“ oder sonstwie heißt.

Ich bin Mitte 2009 auch nicht „wegen“ Antifaschismus oder Geschlechtergerechtigkeit und allem, was da so mit dranhängt, der Partei beigetreten. Und ehrlich gesagt hatte ich damals so manchen Aspekt auch nicht sooo auf dem Schirm. Aber ich hab mich politisch weitergebildet und stellenweise auch meine Meinung geändert. Inzwischen denke ich, dass gerade diese beiden Themen eigentlich so selbstverständlich sein sollten, dass der andauernde innerparteiliche Kampf nicht stattfinden dürfte, weil es schlicht keine Gegenstimmen geben sollte, außer eventuell in Detailfragen. Dass ich mich nicht so sehr um die ominösen Kernthemen[2] kümmere, wie ich könnte[3], liegt also ganz alleine daran, dass ich meine Kraft derzeit (leider) auch gut bei der innerparteilichen Bildung aufgehoben sehe. Und das find ich persönlich auch schade, aber das zu ändern, liegt leider nur sehr indirekt in meiner Macht.

[1] No offense, mein lieber @Fussfall *g*. (nach oben)

[2] Ich als Betreiber und Programmierer von hnwatch.de und damit seit knapp 2 Jahren konstanter Beobachter der Heilbronner Kommunalpolitik nehm mir einfach mal das Recht raus, mich als aktiven Transpenz- und damit Kernthemen-Verfechter zu bezeichnen. (nach oben)

[3] Ja, in meiner hnwatch.de-To-Do-Liste stehen einige spannende Dinge, zu denen ich schlicht bisher noch nicht gekommen bin. (nach oben)

Warum ich nicht für die Landesliste kandidiere

Samstag, 4. August 2012
Weil ich jetzt schon mehrfach gefragt wurde, möchte ich kurz (Ja, ich weiß) meine Gedanken zusammenfassen.

Familie

Das ist übrigens der Hauptgrund, der bei mir den endgültigen Ausschlag gegeben hat.

Wie der eine oder andere vielleicht mitbekommen hat, bin ich relativ frisch verheiratet. Meine Frau ist hier im Ort sehr verwurzelt, was uns im Falle meiner Wahl in den Bundestag vor folgende Alternativen stellen würde:

Wir ziehen beide nach Berlin

Keine ernsthaft in Betracht zu ziehende Option. Zumindest meine Frau hätte massive Probleme, wenn sie z.B. nicht mal spontan ihre Schwester auf einen Kaffee besuchen könnte.

Nur ich ziehe nach Berlin

Zumindest an Sitzungstagen wäre ich somit unter der Woche überhaupt nicht bei meiner Frau, an Wochenenden je nach Arbeitsaufkommen auch nicht unbedingt. Das sind keine Idealbedingungen für eine junge Ehe.

Noch dazu möchte ich die Möglichkeit, nicht ausschließen, dass es irgendwann in den nächsten 5 Jahren Nachwuchs geben könnte. Falls das passiert, würde ich den dann auch gern live und nicht nur per Webcam aufwachsen sehen.

Ein Dauerorkan aus Scheiße

Die Diskussionskultur, gerade auf Bundesebene, ist absolut widerlich. Auch wenn ich mich für relativ shitstormresistent halte (Zugegeben, ich hab noch nie einen in voller Stärke abbekommen), hab ich doch keine Lust drauf, mich wegen jeder Kleinigkeit von irgendwelchen besserwissenden Schwarmlemmigen (Danke an @Fussfall für das Wort *g*) ankacken zu lassen.

Wenn man mitkriegt, mit welchen Mitteln so manche Piratte schon bei relativ kleinen Skandälchen arbeitet (es gab wohl durchaus wegen Kleinkram schon nächtliche Daueranrufe, aufgestochene Reifen und sonstige sympathischen Aktionen), dann will ich gar nicht wissen, was mich erwartet, wenn ich es zum Beispiel wagen würde, in Berlin mit einem anderen Abgeordneten ein Bier zu trinken, ohne einen Livestream mit Bild und Ton ins Internet zu werfen.

Daily Soap

Die Intrigendichte wird gewaltig zunehmen. Die Lügner, die Opportunisten, die Doppelgesichter, die Neider und die Schleimspurhinterlasser werden sich auf uns stürzen wie die Geier aufs Aas. Das tun sie ja teilweise jetzt schon und das wird nicht besser werden, wenn wir mal Abgeordnete im Bundestag haben.

Auch unsere Piratenfraktion wird sich gegenseitig angiften und mobben. Man darf sich ruhig nochmal anschauen, was in Berlin kurz nach der Wahl so lief. Gezanke um die Büros und um die Ausschüsse. Mobbing um den Fraktionsvorsitz. Und jetzt stelle man sich die Situation vor, wenn sich die gewählten Abgeordneten einerseits nicht so gut kennen und andererseits jeder Versuch, zumindest gefühlte Ordnung in den Laden zu bringen, grundsätzlich mindestens als Ermächtigungsgesetz gesehen wird.

Gefühlte Sinnlosigkeit

Wir Piraten treten an, um frischen Wind in die verkrusteten Strukturen zu bringen.

Wir werden in den Bundestag einziehen. Wir werden versuchen, piratige Politik machen und Akzente zu setzen. Wir werden mehr als einmal die Köpfe so hart gegen die Tischplatte prallen lassen, dass uns die Stirn blutet.

Wir werden NICHT in einer Legislaturperiode genügend andere Abgeordneten zum Umdenken bringen. Wir werden es NICHT schaffen, dass die freie Ausübung des Mandats vom Sonderfall (z.B. bei der PID-Debatte) zum Normalfall wird. Wir werden es NICHT schaffen, dass auch nur ein Parlamentarier einer anderen Partei seine Meinung ändert, weil ein Pirat eine großartige Rede gehalten hat.

Wir können hoffen, kleine Erfolge zu feiern: Wenn wir es schaffen, die unsägliche Praxis zu stoppen, dass Reden nur zu Protokoll gegeben und nichtmal gehalten werden, könnten wir uns freuen. Wenn die „etablierten“ Parteien anfangen würden, die Würde des Parlaments zu achten und beispielsweise bei allen Abstimmungen und Debatten möglichst vollzählig anwesend wären, wäre das auch ein kleiner Sieg.

Unsere Piratenabgeordneten werden sich mehr als einmal die Sinnfrage stellen. Viele, wenn nicht alle, werden mit der Zeit immer frustrierter und verbitterter werden.

Wer keinen verdammt langen Atem hat, wer sich nicht zutraut, 4 Jahre lang immer und immer wieder gegen die selben Betonwände zu rennen, in der unrealistischen Hoffnung, dass sich irgendwann eventuell mal ein kleiner Riss bildet, der hat meiner Meinung nach als Pirat, zumindest in unserer ersten Legislaturperiode, im Bundestag nichts verloren.

Ich bin kein solcher Sisyphos und ich wills auch nicht werden.