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Nachhaltigkeit, Schmachhaltigkeit

Montag, 19. März 2012

Eine paar Gedanken zum Text „Schluß mit der Nachhaltigkeitslüge“ von Sebastian ‚tirsales‚ Nerz. Wer das nicht gelesen hat, wird vermutlich nicht verstehen, was ich schreibe. Also bitte, klickt kurz den Link an, lest alles durch und kommt dann wieder. Ich warte hier solange.

Vorneweg: Ich bin kein Wirtschaftsfachmann, sondern ITler. Ich habe keine Ahnung. Ganz im Geiste des Internet soll mich das aber nicht hindern, trotzdem meine Meinung lautstark kundzutun. :)

Dem Tenor des Textes kann ich nichtmal so sehr widersprechen. Natürlich muss der erste Schritt in die richtige Richtung die Einsicht sein, dass es ein Problem gibt. Und dass uns beispielsweise das Öl ausgehen kann, das dürfte unter den vernünftigeren Zeitgenossen auch eher unbestritten sein. Wer wissen will, wie der grandiose Andreas Eschbach dieses Szenario zu einem Roman verarbeitet hat, möge sich zum Buchdealer seines geringsten Mißtrauens begeben und nach „Ausgebrannt“ fragen. Aber bitte dran denken: Der Mann schreibt zwar genial, aber trotz allem ist es sein Job, Geschichten zu erzählen und keine Wahrheiten zu berichten. Das sollte man auch immer im Hinterkopf haben, wenn man sein anderes „Standardwerk“ zur Wirtschaftskrise, „Eine Billion Dollar„, liest. Aber ich schweife ab.

Auf jeden Fall will ich hier auf ein paar Textstellen eingehen, die meiner Meinung nach ein paar Denkfehler aufweisen:

Um unseren aktuellen Lebensstil beizubehalten, verbrauchen wir etwa das 2,7-fache dessen, was unser Planet hergibt. Leider steht uns aber nur eine Erde zur Verfügung. Schon allein das zeigt, dass unsere Verhaltensweise keine besonders nachhaltige sein kann.

Wir sind in Deutschland gut auf dem Weg, eine Informations- und Dienstleistungsgesellschaft zu werden. Nun sind aber sowohl Informationen, als auch Dienstleistungen nicht gerade die Prototypen von Mehrwert, der auch mehr Ressourcen verbraucht. Im Gegenteil: Gerade der IT-Sektor ist ein Paradebeispiel für einen Wachstumsmarkt, der grundsätzlich betrachtet einiges seines Wachstums erstmal nicht durch höheren Ressourcenverbrauch erkauft. Dass hier natürlich einiges altes weggeworfen wird, was eigentlich recyclet (oder rechentechnisch anspruchsloseren Aufgaben zugeführt) werden könnte, ist tatsächlich ein Problem. Aber ein aktueller Prozessor verbraucht für die Herstellung erstmal nicht mehr physikalische Ressourcen als ein 8086er – hier liegt der Mehrwert in verbesserten Abläufen und mehr Know-How. Meine erste 500MB-Festplatte hatte die gleichen Dimensionen und ungefähr die gleiche Masse wie ein aktuelles 3TB-Modell. Auch der Linux-Kernel war 1994 in Version 1.0 noch unter 180.000 Zeilen lang und ist in der aktuellen Mainline-Version 3.3 vom 18.3.2012 auf über 15.000.000 Zeilen angewachsen. Und da betrachte ich nur die „Produzenten“seite. Tatsächlich ist nicht abzuschätzen, wie hoch der Gewinn durch die kostenlose Verfügbarkeit von Linux sein dürfte. Und so einige Firmen verdienen ihr Geld damit, für kostenlose verfügbare Software Support zu bieten und schaffen es so, zu wachsen, ohne nennenswert mehr Ressourcen zu verbrauchen.

Auch beim in Deutschland starken Automobilsektor baut einiges vom Wachstum nicht unbedingt auf erhöhten Ressourcenverbrauch auf. Die Masse (und das ist meines Erachtens eine recht brauchbare Metrik für tatsächlichen Ressourcenverbrauch) eines aktuellen Audi A6 ist mit >=1650 kg keinesfalls exponentiell von den >=1370 kg seines 15 Jahre älteren Vorgängermodells entfernt. Und auch die Anzahl der in Deutschland produzierten Autos ist seit über 20 Jahren ziemlich stabil.

Und ja, mir ist bewußt, dass das zwar für Deutschland so gelten mag, international betrachtet aber keinesfalls. Ändert trotzdem nichts daran, dass die Automobilbranche in Deutschland es geschafft hat, den Umsatz ordentlich zu steigern. Als Quelle sei hier auf die Jahresberichte des VDA verwiesen.

Das gleiche Problem sehen wir auch an der offiziellen Staatsverschuldung Deutschlands. Sie liegt bei etwas mehr als zwei Billionen Euro, plus oder minus ein paar Milliarden. Um die genaue Zahl angeben zu können, wächst sie zu schnell.

Klingt erstmal beängstigend. Dass aber das private Geldvermögen in Deutschland (Grundstücke und Sachvermögen sind hier explizit nicht mit einberechnet) derzeit bei ca. 5 Billionen Euro liegt, lässt zumindest die „offizielle“ Zahl von 2 Billionen nicht ganz so düster erscheinen.

Und das, obwohl bei dieser Statistik noch nicht einmal berücksichtigt wird, dass die Renten- und Pensionskassen leer sind. Rechnet man aus, welche „Nachhaltigkeitslücke“ (schon wieder dieses Wort!) besteht, welche Vorsorgen also gebildet werden müssten, um die entstehenden Kosten zu decken, so fehlen uns dort etwa fünf Billionen Euro.

Da wir in Deutschland (zumindest in der Theorie) ein umlagefinanziertes Rentensystem haben, ist es natürlich nicht legitim, zukünftige Kosten einfach hochzurechnen und auf die jetzigen Staatsschulden draufzuschlagen. Denn der Kern, die Idee der Umlagefinanzierung ist nunmal, dass im Idealfall eben keine Vorsorgen gebraucht werden. Natürlich haben speziell die Rentenkassen heute noch nicht die Kosten der Wiedervereinigung überwunden und natürlich hat auch die Politik durch z.B. die Riesterrente systematisch daran gearbeitet, das Vertrauen in die Rentenkassen zu untergraben. Aber daraus das grundsätzliche Versagen des umlagefinanzierten Systems zu folgern, ist erstmal kein logisch gültiger Schluß.

Aber aller guten Dinge sind drei: Der demografische Wandel macht dem unbegrenzten Wachstum zumindest in Deutschland ebenfalls einen dicken Strich durch die Rechnung. Durch diesen Wandel arbeiten immer weniger Menschen. Das Verhältnis von Einzahlern der Renten- und Pensionskassen zu den Empfängern verändert sich zu Ungunsten der Zahlenden.

Ah, mein alter Freund, der demographische Wandel. Nur leider ist, wenn man eine gesamtwirtschaftliche Betrachtung macht, weder die absolute Anzahl der arbeitenden Menschen eine relevante Kenngröße, noch ist es das Verhältnis von Renten- und Pensionsempfängern zu den dort Einzahlenden.

Denn die tatsächlich geleistete Arbeit wird nicht weniger, sie ist seit vielen Jahren mehr oder weniger konstant. Und wenn man ganz Deutschland betrachtet, hilft es natürlich nicht, sich nur auf die Rentenkassen und ihre Probleme zu konzentrieren (übrigens sei mir noch der zynische Einwurf erlaubt, dass das sowieso nur temporäre Probleme sind, von denen ich, wenn ich mal mein Rentenalter erreicht habe, eher nicht mehr betroffen sein werde). Denn es sind ja nicht nur die Rentner, die von der „arbeitenden Bevölkerung“ bezahlt werden müssen. Was gesamtwirtschaftlich deutlich aussagekräftiger ist, ist die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (von mir aus auch im Verhältnis zu denen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst finanzieren). Und diese Zahl ist zwar leicht rückläufig, aber nicht so sehr, dass ich empfehlen würde, panisch aus dem Fenster zu springen.

Unbegrenztes Wachstum gibt es nicht. Sich vorzugaukeln, dass Wachstum unendlich lange weitergehen kann, funktioniert auf Dauer einfach nicht.

Ich zitiere @Street_Dogg:

„Uff, natürlich geht Wachstum unbegrenzt. Das erst erstmal nur ne rechnerische Größe und geht so lange, wie noch Nullen da sind.“ (Quelle: Internet)

Genau, uff. Jetzt hab ich schon wieder viel zu viel getippt, mit mindestens 50% Blödsinn, Milchmädchenrechnungen und Denkfehlern (erwähnte ich schonmal, dass man bitte den Ratschlägen von ITlern zur Wirtschaft nicht unbedingt vertrauen sollte?).

Jedenfalls, um das zum Schluß des Artikels nochmal klar zu sagen: In der Grundaussage stimme ich dem Artikel durchaus zu.

Grenzenloses Wachstum und der Böse Zins[tm](c)

Dienstag, 3. August 2010

Wachstums- und Zinskritiker feiern derzeit einen Aufwind: Die Wirtschaftskrise tut ihr übriges dazu. Ich finde, es wird Zeit, dass ich meine Gedanken dazu mal sortiere und aufschreibe.

Gerne wird an der Stelle die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ zitiert und (in meinen Augen) auch missverstanden.

Vorneweg: Ich habe die Studie weder im Original, noch in einer der aktualisierten Neuauflagen gelesen und habe das auch nicht vor. Das heißt, ich berufe mich hier auf Zweit- und Drittquellen, bin mir aber hinreichend sicher, die Grundaussage verstanden zu haben.

Die zentrale Idee der Studie zur Wirtschaft ist (von mir zusammengefasst, man möge mich korrigieren, wenn ich grob verzerre):

Jede Wirtschaftspolitik, die auf grenzenlosem Wachstum basiert und dabei immer mehr Rohstoffe verschleudert, ist zum Scheitern verurteilt.

Das klingt auf den ersten Blick auch logisch, aber zu oft wird die zweite Hälfte der Annahme ignoriert. Denn dass Wirtschaftswachstum nur durch wachsenden Bedarf an Rohstoffen begründbar sein kann, hat (zumindest meines Wissen) niemand behauptet. Warum grundsätzlich auch Wachstum böse ist, was auf verbesserter Nutzung von Ressourcen oder gar quasi komplett ohne Ressourcennutzung entsteht, hat mir bisher noch kein Wachstums- oder Zins-Kritiker erklären können. Stichworte hier wären beispielsweise Moore’s Law, Informationsgesellschaft, Dienstleistungen, regenerative Energien. Salopp gesagt: Ein aus dem Netz geladenes Ubuntu verbraucht deutlich weniger natürliche Ressourcen als die Disketten, auf denen früher Windows 3.11 daherkam und hat doch im Zweifelsfall einen höheren Wert (Achtung! Bitte nicht zu wörtlich verstehen, sondern überlegen, was das Prinzip hinter der Aussage sein könnte. Danke!).

Ausserdem sollte man bedenken: Unsere hohen Wirtschaftsgelehrten schaffen es regelmäßig im November nicht, die Steuereinnahmen für das laufende Jahr zu schätzen, ohne ein paar Milliarden danebenzuliegen – mein Vertrauen in Studien, die weit in die Zukunft schauen, ist jedenfalls begrenzt.

Die Entwicklungen in Richtung Nachhaltigkeit sind noch lange nicht abgeschlossen (werden sie vermutlich auch nie sein), aber sie sind zumindest in diesem Teil der Welt angefangen und auch gut unterwegs. Und man sollte auch nicht vergessen, dass es die Menschheit trotz Zins und Wachstum die letzten paar tausend Jahre (Zinsen gibt es, seit es Eigentum gibt!) recht gut geschafft  hat, sich irgendwie durchzuwurschteln – auch wenn es schon öfters mal aussah, als wär der Zusammenbruch unmittelbar bevorstehend. Genau dieser Gedankengang ist es auch, der mich bei der Erwähnung des Josephspfennig kritisch dreinschauen lässt (was mir gerade einfällt: Wer ein wenig Zeit hat, möge sich bitte „Eine Billion Dollar“ vom großartigen Andreas Eschbach durchlesen).

Ein gern gehörter Lösungsvorschlag an dieser Stelle ist das sogenannte Freigeld. Im Prinzip ist das schon eine nette Idee: Man bastelt sich eine Währung, die mit der Zeit an Wert verliert (also mit negativem Zins behaftet ist). Dadurch wird das Geld eher nicht angelegt (dann verlöre es ja an Wert), sondern ausgegeben. Für den Preis, dass niemand mehr spart, wird also die Binnenwirtschaft deutlich angekurbelt. Das Konzept wurde bisher nur auf lokaler Ebene ausprobiert (ein gern zitiertes Beispiel ist das Wörgler Freigeld). Dass es aber auf größerer Ebene genauso ein Erfolg werden kann, wage ich zu bezweifeln: Wir leben in einer vernetzten Gesellschaft, wo mit einem Knopfdruck Milliarden von der einen zur anderen Währung transferiert werden können, das nimmt im Zweifelsfall doch deutlichen Anreiz, ein negativ bezinstes Geld zu nutzen. Und auch wenn wir auf lokalerer Ebene bleiben, sind wir heutzutage weit genug fortgeschritten, dass längst nicht mehr alles, was wir an täglichem Bedarf haben, auch im eigenen wirtschaftlichen Einflußbereich produziert werden kann (Computer, Autos, Fernseher, Mobiltelefone, …). Klar kann man auf diese Luxusgüter des 21. Jahrhunderts prinzipiell verzichten, aber das nur deshalb tun, um den Zins abzuschaffen… Nunja, da hätte ich an der Stelle gerne noch ein paar Argumente mehr. Und dass man die Binnenwirtschaft nicht auch auf andere Art und Weise fördern könnte, halte ich auch für eine unbewiesene Behauptung. (Abgesehen davon, dass die Politik das derzeit ja offenbar auch nicht will, wie man dem großen Heulen entnehmen kann, das dem Verlust des „Exportweltmeister“-Titels an China gefolgt ist)

Natürlich schadet es nicht, sich über diese weiten Themenfelder Gedanken zu machen. Aber den Teufel an die Wand zu malen, weil hochgerechnete Zahlenreihen „zeigen“, dass in n > 40 Jahren der Zusammenbruch unweigerlich kommen muss, kann doch keine Grundlage für undurchdachtes Handeln sein. Das „demographische Problem“ und/oder das „Aussterben der Deutschen“ sind weitere Ausprägungen einer solchen diffusen Angst, aber das dürfte genug Stoff für einen eigenen Blogeintrag bieten.