Artikel-Schlagworte: „nachhaltigkeit“

Grenzenloses Wachstum und der Böse Zins[tm](c)

Dienstag, 3. August 2010

Wachstums- und Zinskritiker feiern derzeit einen Aufwind: Die Wirtschaftskrise tut ihr übriges dazu. Ich finde, es wird Zeit, dass ich meine Gedanken dazu mal sortiere und aufschreibe.

Gerne wird an der Stelle die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ zitiert und (in meinen Augen) auch missverstanden.

Vorneweg: Ich habe die Studie weder im Original, noch in einer der aktualisierten Neuauflagen gelesen und habe das auch nicht vor. Das heißt, ich berufe mich hier auf Zweit- und Drittquellen, bin mir aber hinreichend sicher, die Grundaussage verstanden zu haben.

Die zentrale Idee der Studie zur Wirtschaft ist (von mir zusammengefasst, man möge mich korrigieren, wenn ich grob verzerre):

Jede Wirtschaftspolitik, die auf grenzenlosem Wachstum basiert und dabei immer mehr Rohstoffe verschleudert, ist zum Scheitern verurteilt.

Das klingt auf den ersten Blick auch logisch, aber zu oft wird die zweite Hälfte der Annahme ignoriert. Denn dass Wirtschaftswachstum nur durch wachsenden Bedarf an Rohstoffen begründbar sein kann, hat (zumindest meines Wissen) niemand behauptet. Warum grundsätzlich auch Wachstum böse ist, was auf verbesserter Nutzung von Ressourcen oder gar quasi komplett ohne Ressourcennutzung entsteht, hat mir bisher noch kein Wachstums- oder Zins-Kritiker erklären können. Stichworte hier wären beispielsweise Moore’s Law, Informationsgesellschaft, Dienstleistungen, regenerative Energien. Salopp gesagt: Ein aus dem Netz geladenes Ubuntu verbraucht deutlich weniger natürliche Ressourcen als die Disketten, auf denen früher Windows 3.11 daherkam und hat doch im Zweifelsfall einen höheren Wert (Achtung! Bitte nicht zu wörtlich verstehen, sondern überlegen, was das Prinzip hinter der Aussage sein könnte. Danke!).

Ausserdem sollte man bedenken: Unsere hohen Wirtschaftsgelehrten schaffen es regelmäßig im November nicht, die Steuereinnahmen für das laufende Jahr zu schätzen, ohne ein paar Milliarden danebenzuliegen – mein Vertrauen in Studien, die weit in die Zukunft schauen, ist jedenfalls begrenzt.

Die Entwicklungen in Richtung Nachhaltigkeit sind noch lange nicht abgeschlossen (werden sie vermutlich auch nie sein), aber sie sind zumindest in diesem Teil der Welt angefangen und auch gut unterwegs. Und man sollte auch nicht vergessen, dass es die Menschheit trotz Zins und Wachstum die letzten paar tausend Jahre (Zinsen gibt es, seit es Eigentum gibt!) recht gut geschafft  hat, sich irgendwie durchzuwurschteln – auch wenn es schon öfters mal aussah, als wär der Zusammenbruch unmittelbar bevorstehend. Genau dieser Gedankengang ist es auch, der mich bei der Erwähnung des Josephspfennig kritisch dreinschauen lässt (was mir gerade einfällt: Wer ein wenig Zeit hat, möge sich bitte „Eine Billion Dollar“ vom großartigen Andreas Eschbach durchlesen).

Ein gern gehörter Lösungsvorschlag an dieser Stelle ist das sogenannte Freigeld. Im Prinzip ist das schon eine nette Idee: Man bastelt sich eine Währung, die mit der Zeit an Wert verliert (also mit negativem Zins behaftet ist). Dadurch wird das Geld eher nicht angelegt (dann verlöre es ja an Wert), sondern ausgegeben. Für den Preis, dass niemand mehr spart, wird also die Binnenwirtschaft deutlich angekurbelt. Das Konzept wurde bisher nur auf lokaler Ebene ausprobiert (ein gern zitiertes Beispiel ist das Wörgler Freigeld). Dass es aber auf größerer Ebene genauso ein Erfolg werden kann, wage ich zu bezweifeln: Wir leben in einer vernetzten Gesellschaft, wo mit einem Knopfdruck Milliarden von der einen zur anderen Währung transferiert werden können, das nimmt im Zweifelsfall doch deutlichen Anreiz, ein negativ bezinstes Geld zu nutzen. Und auch wenn wir auf lokalerer Ebene bleiben, sind wir heutzutage weit genug fortgeschritten, dass längst nicht mehr alles, was wir an täglichem Bedarf haben, auch im eigenen wirtschaftlichen Einflußbereich produziert werden kann (Computer, Autos, Fernseher, Mobiltelefone, …). Klar kann man auf diese Luxusgüter des 21. Jahrhunderts prinzipiell verzichten, aber das nur deshalb tun, um den Zins abzuschaffen… Nunja, da hätte ich an der Stelle gerne noch ein paar Argumente mehr. Und dass man die Binnenwirtschaft nicht auch auf andere Art und Weise fördern könnte, halte ich auch für eine unbewiesene Behauptung. (Abgesehen davon, dass die Politik das derzeit ja offenbar auch nicht will, wie man dem großen Heulen entnehmen kann, das dem Verlust des „Exportweltmeister“-Titels an China gefolgt ist)

Natürlich schadet es nicht, sich über diese weiten Themenfelder Gedanken zu machen. Aber den Teufel an die Wand zu malen, weil hochgerechnete Zahlenreihen „zeigen“, dass in n > 40 Jahren der Zusammenbruch unweigerlich kommen muss, kann doch keine Grundlage für undurchdachtes Handeln sein. Das „demographische Problem“ und/oder das „Aussterben der Deutschen“ sind weitere Ausprägungen einer solchen diffusen Angst, aber das dürfte genug Stoff für einen eigenen Blogeintrag bieten.