Archiv für Januar 2013

Das Internet versklavt Autorinnen

Sonntag, 20. Januar 2013

Ein paar kurze Anmerkungen zu folgendem Artikel kann ich mir nicht sparen: http://www.tagesspiegel.de/medien/urheberrechtsdebatte-ihr-versklavt-uns/7655130.html

Darin beschwert sich die Schriftstellerin Vea Kaiser in einem offenen Brief auf ihrer Facebookseite (leider ohne Link, da der Text dort offenbar inzwischen entfernt wurde) an Internetpiratinnen bitterlich darüber, dass ihr Erstlingsroman „Blasmusikpop“ offenbar irgendwo im Internet kostenlos zum Download angeboten wird und das kanns ja wohl nicht sein!

„Ihr denkt euch jetzt, es ist ja nichts anderes, als es jemandem auszuleihen. Nun ja: Es ist ein Unterschied, ob ich einem Freund ein Buch leihe oder Kopien für die ganze Stadt anfertige und sie am Marktplatz verteile.“

Fun Fact: Ich habe mal spontan einschlägige Seiten wie zum Beispiel The Pirate Bay (aber auch noch einige mehr) nach dem Buch durchsucht. Anzahl der Treffer: 0. Auch die Suche per Google mit normalerweise geeigneten Stichworten hat mir exakt keine Möglichkeit zutage gefördert, den Roman herunterzuladen. Ich kann nicht ausschließen, dass sich nicht irgendwo doch noch ein funktionierender Link findet, aber von „Kopien für die ganze Stadt“ kann hier offensichtlich absolut keine Rede sein.

Das Problem der Frau Kaiser ist offensichtlich nicht, dass es massiv viele Raubmordkopien ihres Buches gäbe, sondern dass dies eben nicht der Fall ist.

„Warum ich euch das sage? Weil ich im Herzen daran glaube, dass Leser gute Menschen sind und Bücher und Autoren schätzen.“

Da hat sie recht. Aber warum es in ihrer Welt offenbar kein „schätzen“ ohne finanziellen Ausgleich geben kann, verstehe ich nicht. Und dass man eine Fanbasis nicht dadurch aufbaut, indem man wild alles beschimpft, was einem doof erscheint (OK, außer man heißt Fefe), sollte doch auch irgendwie klar sein, oder?

„Aber überlegt mal, ob ihr noch lesen wollt, wenn es nur noch Megaseller wie „Shades of Grey“ gibt, weil sich anderes nicht mehr rentiert.“

Hier gerade als Beispiel für den typischen Megaseller (ich gehe einfach mal davon aus, dass sie hier „Fifty Shades of Grey“ von E L James und nicht „Shades of Grey“ von Jasper Fforde meint) gerade dieses Buch zu bringen, ist auch irgendwie bemerkenswert. Denn die Buchreihe gab es schon eine ganze Weile länger kostenlos verfügbar als Twilight-Fanfiction und wurde dann aufgrund der Verbreitung und Beliebtheit überhaupt erst (leicht abgewandelt) als „richtiges“ Buch verlegt und zum Mainstream-Megaseller.

„Geht doch mal hin und schaut euch den Menschen an, der das Buch geschrieben hat, und erklärt mir dann bitte, wieso dieser Mensch euer Sklave sein soll.“

Mag ja von mir aus sein, dass drölfeinhalb Leute das Buch runtergeladen haben und es seitdem bei 90% ungelesen auf der Festplatte rumliegt.  Aber deshalb hier dann die rhetorische Sklaven-Keule auszupacken?

Ich mein, ich kanns ja verstehen, dass man es als junge, eher unbekannte Schriftstellerin nicht leicht hat. Und wär ich Verlag, würde ich auch mit Krokodilstränen in den Augen auf exorbitant hohe (und vermutlich frei erfundene) Downloadzahlen zeigen und deshalb den Vorschuß kürzen.

Trotzdem kann man immer und immer wieder beobachten, dass (tatsächlich) hohe Downloadzahlen und finanzieller Erfolg sehr oft sehr eng miteinander zusammenhängen – und das in beide Richtungen. Ich persönlich halte es für die schlauere Taktik, daraus Schlüsse zu ziehen und neue Strategien abzuleiten. Aber die unternehmerische Freiheit erlaubt es natürlich auch, mit dem Fuß aufzustampfen und zu fordern, dass wieder alles so wie früher zu sein hat. Man wird sehen, welche der beiden Möglichkeiten sich durchsetzt – ich habe da so eine Vermutung…