Archiv für Juli 2010

Wissen und die Politik

Montag, 12. Juli 2010

Nachdem ich im letzten Beitrag hier ein wenig versucht habe zu erleuchten, wie Wissen überhaupt funktioniert, will ich nun konkrete Auswirkungen des Ganzen betrachten.

Noch ein paar Worte Allgemeingeschwafel

Man hat sich die Wissenschaft also ausgedacht, um wegzukommen vom individuellen Erfahrungsbericht und um bei allgemeingültigeren Aussagen zu landen. Nur weil einmal jemand einen schweren Unfall überlebt hat, folgt noch lange nicht, dass jeder jeden schweren Unfall überlebt. Das klingt jetzt im Zweifel mal wieder banal, aber da steckt eine Wahrheit dahinter, die beispielsweise von Anhängern der Komplementär“medizin“ gerne ignoriert wird (Jeder, der schonmal mit Homöopathiegläubigen diskutiert hat, wird das vermeintliche Argument „Du kannst sagen, was du willst, MIR hats geholfen“ nur zu gut kennen). Und wer die Meinung vertritt, dass das mit der Alternativen „Medizin“ ja nicht so wild sei, der soll bitte einfach mal kurz tief in die Abgründe der Esoteriker schauen (Achtung, da kann einem durchaus schlecht werden!) und mir dann bitte versuchen zu erzählen, warum es sich hier nicht um eine äußerst übelerregende Art der Körperverletzung Schutzbefohlener handeln soll. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls: Meist hängt das Ergebnis einer Folge von Aktionen nicht nur von einer einzigen Ursache ab. Deshalb versucht die Wissenschaft, diese einzelnen Faktoren zu isolieren, einzeln zu verstehen und sie dann wieder zusammenzusetzen. Dieses Zusammensetzen ist oftmals auch nicht gerade einfach, da zum Beispiel durch Feedback-Mechanismen recht leicht eine große Komplexität entstehen kann. Physiker können zwar die Bahnen von zwei großen umeinander kreisenden Körpern berechnen, aber setzt man sie vor drei solche Objekte (oder gar noch mehr), dann kratzen sie sich am Kopf, auch wenn der grundsätzliche Mechanismus dahinter schon verstanden zu sein scheint.

Raus mir der Sprache, was hat das mit Piraten zu tun?

„Wir sind nicht links oder rechts, wir sind vorne.“
„Wir wollen keine ideologische Lösung, wir wollen die beste Lösung.“

Je weiter wir in der Kette von der „reinen“ Mathematik wegwandern, desto mehr kommt Intuition ins Spiel und desto diffuser wird das, was wir zu Wissen glauben. Betrachten wir nochmal schnell die Kette aus dem letzten Blogeintrag, wie die Wissenschaften grob aufeinander aufbauen:

Logik -> Mathematik -> Physik -> Chemie -> Biologie -> Medizin -> Neurologie -> Soziologie -> Politik

Eine richtig faire Betrachtung ist diese Vereinfachung (wie ich auch schon angemerkt habe) natürlich nicht. Das soll jetzt aber mal nix zur Sache tun, denn was bemerkenswert ist: Wenn man sich von links nach rechts weiterhangelt, wird es irgendwie immer verschwommener, was hauptsächlich an den bereits angesprochenen Feedback-Mechanismen und Komplexitätsproblemen liegt. Auch wenn DNS grundsätzlich chemischen Prinzipien gehorcht, entsteht hier doch durch den Kontext deutlich mehr. Und je weiter wir in der Kette nach rechts wandern, desto größer werden diese Effekte und desto mehr verstärken sie sich selbst oder bauen gar aufeinander auf.

Wenn man sich exemplarisch mal die Wirtschaftspolitik herausgreift, fällt es eben echt schwer, wissenschaftliche Prinzipien anzuwenden, weil es meistens schlicht und ergreifend nicht funktioniert, einzelne Aspekte für größere Störungen alleine verantwortlich zu machen. Es mag sein, dass der Zins an und für sich ein grundsätzlicher Fehler unseres Wirtschaftssystems ist. Es mag auch sein, dass ein paar Monate lang das Wörgler Freigeld, was den Zinseffekt im Wesentlichen umgedreht hat, einen örtlich begrenzten Erfolg gefeiert hat. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass das auf größerer Ebene genauso gut und vor allem auch nachhaltig funktioniert, ist eine recht blauäugige und weltfremde Vermutung.

Weiteres Paradebeispiel: Das Bedingungslose Grundeinkommen. Leider, leider von einer Mehrheit der Piraten des letzten Bundesparteitages für „klingt gut, also wolln wir das irgendwie!“ beschieden worden. Hier sieht man den ersten Schritt, die Vorteile, die es für einen selbst bringt, sieht auch Vorteile fürs soziale Gewissen und den Bürokratieabbau und feiert das Modell als einzig Seligmachende Wahrheit. Dass das Modell einen Schritt weitergedacht grandios scheitert, darüber wird meist nichtmal nachgedacht, die schnellen Vorteile überwiegen ja. Ein kleiner Denkanstoß an dieser Stelle: Aus viel freiem Geld folgt auch viel Inflation. Man möge den Gedanken weiterspinnen und sich dabei nicht zu oft im Kreis drehen.

Dazu kommt: Das Finanzwesen wurde von Menschen geschaffen. Und das nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach, viele Effekte haben sich erst mit der Zeit rauskristallisiert. Die Frage ist eventuell nicht, wie die beste Lösung für ein gegebenes Problem ist, sondern ob es überhaupt eine beste Lösung gibt. Ich halte die Vermutung nicht für völlig weit hergeholt, dass das Finanzsystem grundsätzlich so chaotisch und auf so vielen sich gegenseitig bedingenden, verstärkenden und/oder abschwächenden Effekten beruht, dass es keine ganzheitliche Theorie dafür geben kann.

Deshalb meine Vermutung: Es gibt keine beste Lösung der Finanzkrise. Es gibt Ansätze zum Verzögern, es gibt Ideen für den Totalumbruch. Aber dabei möge man bitte auch bedenken, dass das Finanzsystem in der derzeitigen grundsätzlichen Form schon wirklich alt ist, sich die meiste Zeit auch irgendwie bewährt hat und entgegen aller Unkerei auch schon die eine oder andere Krise überstanden hat. Und ob Alternativmodelle sich dann ähnlich bewähren, das hängt äußerst stark auch vom menschlichen Faktor ab.

Also doch wieder Ideologie?

Ein großer Vorteil der Piraten ist ja, dass man sich wenigstens überhaupt irgendwelche Gedanken macht. Vergleicht man das mit der „alternativlosen“ Politik der derzeitigen Bundesreagierung, kann das ja nur ein Fortschritt sein (und ich vermute, dass dieser Satz auch in 10, 20 30, … Jahren so aktuell sein wird wie nie).

Klar, man hat sich auf die Fahnen geschrieben, irgendwie „fairness“ (was auch immer das bedeutet) und Freiheit bieten zu wollen. Aber genau das versprichen auch schon die SPD, die FDP  und die Linkspartei mal mehr, mal weniger glaubwürdig. Als Ideologiefrei würde ich das allerdings nicht bezeichnen, weshalb ich die oben erwähnten Sprüche auch eher für Lebenslügen denn als ernsthafte Aussagen zur Politik der Piratenpartei halte. Und warum die Versprechen der Piratenpartei per se erstmal glaubwürdiger sein soll, als die der etablierten Parteien, auf die Antwort wartet nicht nur der mündige Wähler [sic!] gespannt.

Was aber auf jeden Fall derzeit noch sehr arg fehlt: Ein Taschenrechner. Wenn ich das Wahlprogramm für die Anfang 2011 anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg anschaue, dann fällt mir auf, dass da zwar mal hier, mal da was gefordert wird, was teilweise irgendwie gut klingt, was sich teilweise auch mal selbst widerspricht oder was gelegentlich auch mal offensichtlich seltsamer Unsinn ist (Auf das Wahlprogramm will ich später nochmal genauer eingehen) – der rote Faden, der sich allerdings durchzieht, ist der fehlende Finanzierungsaspekt. Wohlgemerkt verlange ich nicht, dass ein kompletter Haushaltplan für das Land erstellt wird. Aber eine ungefähre Abschätzung der Größenordnung der Kosten oder Zusatzeinnahmen, die bei den einzelnen Punkten entstehen würden (soweit absehbar), wäre zumindest mal ein Anfang und, wie ich finde, eigentlich auch Voraussetzung bevor man sowas zur Abstimmung stellt oder gar mit großer Mehrheit annimmt.

Aber ich vermute, das wäre unpiratisch.

Wahrheit, Wissen und der ganze Rest

Donnerstag, 1. Juli 2010

Aus aktuellem Anlass will ich hier mal ein paar Worte zum Thema „Wissen“ loswerden, auch wenn ich den Blogeintrag, um die Zielgruppe zu erreichen, besser mit wirrem Haar vorlesen und ein verwackeltes Video davon dann auf YouTube stellen sollte. Na ja, kann ich ja bei Gelegenheit mal tun.

Vorweg noch eins: Es ist nicht leicht, über dieses Thema zu schreiben und nicht zu langweilen. Entweder man weiß alles (oder zumindest vieles) schon, oder das ganze Themengebiet ist fremd. Sonderlich viele Zwischenstufen gibt es hier leider nicht. Im Zweifel denkt bitte: „Ach, soll der elzoido halt schwafeln.“

Was heißt “wissen”?

Die Logik

Ganz streng genommen, „weiß“ man nur Dinge, die auf eine gewisse Art aus anderen Dingen gefolgert werden können. Man wandert also quasi auf nachvollziehbaren Schritte von einer Aussage zur nächsten. Das an und für sich klingt (noch) nicht so sonderlich spannend, ist aber eine wichtige Grundlage. Außerdem erwähnenswert ist es, dass ohne zugrundeliegende Wahrheit, quasi eine Verankerung, auch keine Schlußfolgerungen gemacht werden können.

Interessant ist, dass man schon früh, ohne streng formalisierte Logik, Grenzen des Konzeptes entdeckt hat. „Dieser Satz ist falsch“ wäre ein solches Beispiel. Bemerkenswert ist, dass diese „Logiklücken“ oft dort auftauchen, wo eine Selbstreferenz auftritt. Der Satz bezieht sich auf sich selbst und widerspricht sich so irgendwie.

Der Auftritt der Mathematik

Die Mathematik hat nun die Möglichkeit geschaffen, die Logik nicht nur zu benutzen, sondern sie auch zu formalisieren. Ableitungen und Schritte werden nun nicht nur irgendwie dahingesagt, sie werden nun nach formellen Regeln aufgeschrieben und man führt beispielsweise auf dem Weg zu weiter entfernten Ergebnissen auch Zwischenstufen ein.

Aber auch hier braucht man Wahrheitskerne, um die sich dann neue Erkenntnisse bilden. So spannen die Peano-Axiome die natürlichen Zahlen auf, indem sie salopp gesagt die 1 als Grundlage nehmen und von dort bis in die Unendlichkeit immer weiterwandern. Direkt daraus kann man dann, wohlgemerkt rein formal und logisch, Dinge wie die Addition und die Multiplikation, aber auch komplexere Konzepte wie die Primzahlen herleiten.

Aber auch die Mathematik ist irgendwann an gewissen Stellen in eine Sackgasse gerannt. So zeigte Gödel mit seinem Unvollständigkeitssatz 1931 erstmals umgangssprachlich formuliert: Jedes Regelsystem, das hinreichend mächtig ist, ist unvollständig. Das bedeutet: Es können Aussagen formuliert werden, die innerhalb des Systems weder als wahr, noch als falsch festgestellt werden können.

Auch Russel formulierte schon 1903 seine sogenannte Antinomie, die, später von ihm so ins Umgangssprachliche übertragen wurde:

Man kann einen Barbier definieren als einen, der alle diejenigen und nur diejenigen, die sich nicht selbst rasieren, rasiert. Die Frage ist: Rasiert der Barbier sich selbst?

Das haben Mathematiker heutzutage aber akzeptiert, man weiß also, dass man nicht alles wissen kann, dass man also irgendwie auf grundsätzliche Art fehlbar ist, und das stellt Mathematiker auch nicht vor unlösbare Probleme, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag.

Disziplinen wie die Informatik und die theoretische Physik kann man durchaus als Teilmengen der Mathematik betrachten, was bedeutet, dass sie grundsätzlich auch von dieser Problematik betroffen sind. Informatiker lösen das Dilemma, indem sie sich viele theoretische Gedanken über Berechenbarkeit machen, Physiker lösen das, indem sie einfach drauflosrechnen und sich freuen, solange am Ende das Vorzeichen und eventuell noch die erwartete Größenordnung stimmt 😉

Und der Rest der Wissenschaft?

Wenn man mal fast schon bösartig verallgemeinern will, kann man Politik als Spezialfall der Soziologie sehen. Die wiederum ist angewandte Statistik, Psychiatrie und Neurologie. Neurologie und Medizin kann man als angewandte Biologie sehen und diese ist eigentlich nix anderes als angewandte Chemie. Die Chemie ist nun eigentlich angewandte Physik und dieselbe dann angewandte Mathematik.

Man möge mich bitte nicht faschl verstehen, ich will hier keineswegs den obigen Wissenschaftsdisziplinen die Relevanz in Abrede stellen. Es ist durchaus sinnvoll, dass man sich hier an geeigneten Zwischenstufen verschiedene logische Zusatzebenen ausgedacht hat. Ein anschaulicheres Beispiel hierfür wäre auch die Musik: Klar hat man die physikalischen Grundlagen der Musik durchschaut, Schwingungen, Obertöne, Harmonien und so. Aber die Musik nur auf ihre physikalischen Grundlagen zu beschränken täte ihr sehr unrecht. Was ich eher sagen will ist: Keine dieser Disziplinen kann gegen Gesetze der tieferen Ebenen verstoßen. In der Chemie passiert nichts, was nicht prinzipiell auch mit Mitteln der Physik herleitbar ist, genauso wie wissenschaftlich arbeitenden Mediziner nicht anfangen, von biologisch nicht vorhandenen Meridianen zu faseln.

Was tun, sprach Zeus?

Um also irgendwie auf einen Nenner zu kommen, hat man sich die wissenschaftliche Methode ausgedacht. Grob (und hier gelegentlich leicht idealisiert) funktioniert das so:

  • Messungen werden gemacht, dabei werden alle relevanten Teile der Vorgehensweise, sowie alle Messergebnisse dokumentiert
  • Man versucht, die Messungen auf herkömmlichen Weg (also anhand der herrschenden Lehrmeinung) zu erklären
  • Wenn dies nicht funktioniert, dann stellt man eine These auf, die die neuen Messergebnisse erklärt. Dabei ist darauf zu achten, dass die neue These nicht nur die neuen Messergebnisse erklärt, sondern auch alten Messergebnissen nicht widerspricht (alten Thesen/Theorien hingegen darf prinzipiell widersprochen werden)
  • Veröffentlichung der neuen Erkenntnisse (samt aller Messungen und Methoden) in wissenschaftlichen Publikationen
  • Peer Review, d.h. andere Wissenschaftler (die idealerweise mit den ursprünglichen Entdeckern keine persönlichen oder finanziellen Verbindungen haben) versuchen:
    • die Messungen nachzuvollziehen und/oder
    • andere Erklärungen für die Messungen zu finden
  • Es kann nicht schaden, aufgrund der neuen These weitere Vorhersagen von bisher noch nicht gemessenen Phänomenen zu machen
  • Und irgendwann wird die neue These dann, wenn keine grundsätzlichen Einwände kommen, als offizielle neue Lehrmeinung anerkannt. Das ist üblicherweise kein Stichtag, an dem das alte als ungültig betrachtet wird, sondern meist eher ein fließender Übergang.

Es wird hier also voll auf objektive Nachvollziehbarkeit und den kritischen Blick aus anderen Blickwinkeln gesetzt, was auch den Erfolg der Wissenschaft an sich erklärt. Viele Menschen tun sich hier an dieser Stelle oftmals schwer, da es auf den ersten Blick nicht so ganz einleuchtend ist, warum gerade diese grundsätzlich nichts verschonende Veränderbarkeit ein ganz großes Feature der wissenschaftlichen Methode ist und nicht etwa ein Fehler. Je mehr man aber drüber nachdenkt, desto besser und toller und überhaupt wird die ganze Geschichte, glaubt mir!

Eins der vielen Beispiele, wo diese Methode schon ganz hervorragend funktioniert hat, war beispielsweise der Übergang von der Newtonschen Mechanik zur Einsteinschen Relativitätstheorie. Letztere stellt nämlich Formeln auf, die im Wesentlichen die altbekannten und bewährten Newtonschen Formeln sind, ergänzt durch einen Teil, der bei normal, auf der Erde auftretenden Geschwindigkeiten nahe genug an der 0 ist, um in der Praxis ignoriert werden zu können. Bei der Berechnung der Bahn von Satelliten hingegen wird die Einsteinsche Mechanik benötigt, da hier die Geschwindigkeiten hoch genug sind.

Ein kurzes Zwischenfazit

Es gibt keine absolute Wahrheit in den Wissenschaften jenseits der Mathematik, nur den derzeitigen Wissensstand! Nichts ist in Stein gemeißelt, allerdings dürfen neue Theorien alte Erkenntnisse nicht ignorieren.

Wir wissen genug, dass Raketen, GPS, Handys und Mikrowellen funktionieren, aber da hört es auch schon langsam auf mit dem “ausnutzbaren” Verständnis.

Und warum Zwischenfazit? Weil ich demnächst in einem deutlich kürzeren Blogeintrag, dann den Haken zur Politik und insbesondere zu den Piraten schlagen will. Jedenfalls wenn ich nicht vorher geschlagen werde. 🙂