Gott – Eine Blasphemie

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem alten elBloggo und die Fortsetzung von „Ein Gedankenexperiment„, „Newton, Licht, Quanten und billardspielende Roboter“ und „Das Gehirn„]

Was ist Gott? Woher kommt Gott? Warum ist Gott? Und was zum Teufel hat die Kirche damit zu tun?

Gott war seit seiner Erfindung durch die Menschen schon immer die Erklärung für alles, was man mit konventionellen Mitteln nicht erklären konnte. Sei es nun eine schlechte Ernte, weil jemand „gesündigt“ hat oder sei es etwas aus heutiger Sicht eher Triviales wie ein Blitz, den ein Donnergott aus Wut auf die Erde geschleudert hat. Auch die Entstehung der Erde und des Lebens auf ihr wurde mangels anderer Theorien ebendiesem Wesen „Gott“ zugeschrieben: Die unsägliche Kreationismusdiskussion hat glücklicherweise unsere Breitengrade noch nicht in dem Ausmaß erreicht, wie die USA, aber ich befürchte, dass es mit zunehmender Verdummung der Menschen und Politiker durch Privatfernsehen, Zeitungen mit GROßEN BUCHSTABEN und nichtexistentem echtem Journalismus auch hierzulande nur eine Frage der Zeit sein wird, bis Fundamentalchristen fordern, im Wesentlichen ein Märchen als Alternative zu Wissenschaft zu lehren.

Nun entstand aber durch die Aufklärung der Menschheit Wissen. Viel Wissen. Zu Zeiten Newtons (was menschheitsgeschichtlich betrachtet nun wirklich nicht lange her ist) noch war die Wissenschaft mehr oder weniger intuitiv und allgemeinverständlich. Actio gleich Reactio ist ein Prinzip, was man problemlos auch weniger intelligenten Zeitgenossen vermitteln kann und auch einfache Bewegungs- und Beschleunigungsgleichungen sind im Wesentlichen intuitiv durch unsere Reflexe abgebildet (wohlgemerkt rede ich hier und im Folgenden immer vom Prinzip, also der Essenz, die dahintersteckt und nicht unbedingt von mehr oder weniger komplexem Formelwerk, was sich die Physiker begleitend dazu ausgedacht haben).

Nur war eben auch klar, dass das letzte Wort mit Newton noch nicht gesprochen war. Solche auch damals schon im Alltag wichtigen Themen wie Wetter oder Biologie entzogen sich (noch!?) den Naturwissenschaften, hier konnte man noch einen Gott „gebrauchen“, der einem eine gute Ernte bescherte.

Mit fortschreitender Wissenschaft wurde allerdings nach und nach eine Mauer nach der anderen eingerissen, plötzlich verstanden wir, wie Vererbung funktioniert. Auch das Wetter hat irgendwo auf dem Weg seine Unbegreiflichkeit verloren. Wenn wir auch heutzutage noch weit davon entfernt sind, eine 100%ige Wettervorhersage zu liefern, liegt das nicht etwa am prinzipiellen Unverständnis, sondern eher an mangelnden Meßmethoden und ungenauen Modellen alleine schon aufgrund der gigantischen Komplexität.

Auch innermenschliche Vorgänge (bis hin zu höheren Hirnfunktionen) sind heutzutage physikalisch, chemisch und biologisch erklärbar. Die von der Gesellschaft als verhaltensauffällig erklärete Kinder, denen Ritalin oder ähnliches verabreicht wird, sind hier das lebende Beispiel, dass auch Persönlichkeitsstörungen (so es denn welche sind) durch den gezielten Einsatz von Chemikalien „heilbar“ sind.

Und wo bleibt nun Gott?

Ich behaupte nun einfach mal, dass wir das Universum in einem gewissen Größenordnungsbereich verstanden haben und prinzipiell deterministisch nachvollziehen können. Dieser Bereich fängt auf der atomaren Ebene an und endet auf globaler Ebene, die Bewegungen unseres Sonnensystems gehören auch noch dazu, aber vom Verstehen eines Sonnensystems auf das Verstehen aller zu schliessen, ist in meinen Augen ein ungültiger Schluß.

Bleiben für Gott also noch zwei möegliche „Nischen“: Entweder auf der gigantischen Ebene, also quasi in der Unendlichkeit des Universums oder auf der uns bekannten kleinsten Ebene, dem Quantenlevel. Ich persönlich halte beide Ebenen für falsch (und spreche somit quasi Gott seine Existenz ab), was mich aber nicht davon abhalten soll, sie trotzdem im nächsten Teil dieser kleinen Serie weiterzubeleuchten. Dann werde ich mich (jedenfalls nach meinem groben mentalen Plan) auch endlich um die Kirche, menschliche Arroganz und der Sinnlosigkeit des Daseins widmen.

Noch ein kleiner Nachtrag: Wohlgemerkt basieren meine Überlegungen darauf, dass Gott in einem System des Determinismus nichts verloren hat. Das kann man so sehen, muss man aber nicht – es wäre das erste Mal, dass sich Gläubige durch so etwas Weltliches wie Argumente von ihrem Glauben abbringen lassen.

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8 Kommentare zu „Gott – Eine Blasphemie“

  1. Ey Lou Flynn sagt:

    Griaß Gott, lieber ungläubiger Freund!

    Du scheinst Dir Deiner Sache ziemlich sicher zu sein. Da möchte ich zweierlei einwerfen –

    Erstens, das klingt jetzt trivial, aber – niemand kennt die Wahrheit. Mal angenommen, ich wäre jetzt ohne wenn und aber gläubig: Die Chancen stehen gut, dass ich genau begründen könnte, dass Gott ganz bestimmt existiert. Und meine Begründung käme mir genauso einleuchtend vor, wie Dir Deine eigene vorkommt. Natürlich wären wir beide überzeugt, der andere hätte sie nicht mehr alle.

    Zweitens, und das kommt jetzt ganz christlich-versöhnlich rüber, ich denke, zwischen Gläubigen und Atheisten besteht kein so riesiger Unterschied. Jedenfalls keiner, der ständigen Zoff und gegenseitiges Sich-als-dumm-bezeichnen rechtfertigt. Historisch betrachtet sind wir alle ziemlich genau gleich radikale Atheisten. Hey, es sind fast 3000 Götter bekannt, wobei es sicher noch viel, viel mehr gab. Die einen von uns lehnen 2999 ab, die anderen alle 3000, meine Güte, der eine Gott! Ist doch wirklich kein Drama.

    Die ausgekochtesten Atheisten haben selbst auch ein viel transzendenteres Weltbild, als ihnen oft bewusst ist. Ein simples Beispiel: Wer bist Du? Du hast ja als Nicht-Katholik keine Seele oder so. Aber Du bist auch nicht Dein Körper. Nimm nur mal eine besonders lebendige Kindheitserinnerung. Du warst damals wirklich dort, oder…nicht? Fest steht, praktisch kein einziges Atom in Deinem heutigen Körper war dort, denn Materie fließt ununterbrochen, als Physikbegeisterter weißt Du darüber wahrscheinlich eh mehr als ich. Also wer hat diese Erinnerung erlebt? Ein jüngerer klon Deiner selbst? Oder bist Du der Bauplan Deines Körpers? Die Summe Deiner Erinnerungen und Erlebnisse? Auch die verändern sich in unserem Kopf. Ist das „Du“ nur eine Illusion, die näherer Betrachtung gar nicht standhält? Und wenn ja, wie wäre es mit Buddhismus? 😉

    Ich sag ja nur. Ich scheue mich davor, religiösen Menschen zu unterstellen, dümmer zu sein oder irgendwas rational erwiesenes partout nicht zu kapieren. Wissenschaft ist auch nicht so endgültig, wie sie gerne tut. Und was uns die Physik, Gott habe sie selig, wirklich über unseren Kosmos beigebracht hast, ist doch, dass wir im Grunde keine Ahnung davon haben (Du bemerkst an dieser Stelle den subtilen Widerspruch zu Deinem Blogeintrag). Evolution ist was anderes, Evolution ist in ziemlich trockenen Tüchern. Arme Kreationisten. Aber die sind ja nur eine religiöse Minderheit, wenn auch eine ziemlich laute.

    Ja sorry, die Länge! Sollte mir ein eigenes Blog zulegen… noch eines, meine ich.

  2. elzoido sagt:

    Es mag sein, dass ein Gläubiger für sich „weiß“, dass es einen Gott o.ä. gibt. Ich unterscheide aber hier an der Stelle durchaus zwischen Wissen im wissenschaftlichen Sinne, d.h. objektiv nachprüfbare Tatsachen und dem, was Gläubige so „Wissen“ nennen und in meinen Augen eher als intensives Wünschen anzusehen ist. Wenn ich einen Ball loslasse, wird der immer mit der Erdbeschleunigung nach unten beschleunigt (lassen wir mal die Luftreibung und andere pathologischere Fälle wie z.B. ein Metallball im Magnetfeld außer acht). Immer, immer, immer wird er das tun. Und wenn ich dir den Ball gebe und du ihn losläßt, wird er das auch tun. Und nun kommen Gläubige daher und sagen voller Überzeugung: „Tjahaha! Klar, der Ball fiel jetzt 1 Million mal runter. Aber woher weißt du, dass er das auch bis in alle Ewigkeit tut und nicht plötzlich nach oben fliegt?“

    Zum Thema: „Aber du bist nicht dein Körper“. Ja, ich stimme zu, wir alle sind in einem gewissen Sinne mehr als nur unsere Körper. Ich sehe die von dir angesprochene Thematik eher mit einer Hard/Software-Analogie. Das Bewußtsein, die Funktion des Gehirns auf einer höheren abstrakten Ebene sehe ich eher als Software, die, lapidar ausgedrückt, zwar schon auf der Hardware „Körper“ (inkl. Gehirn) läuft, aber eine gradielle Veränderung derselben durchaus überlebt, genauso wie ich den Arbeitsspeicher meines Computers aufrüsten kann, ohne dass mein Linux plötzlich neu installiert werden muss. Harte wissenschaftliche Belege dafür habe ich spontan nicht (ist auch schon 2:30 nachts, als ich das schreibe), aber es erfüllt zumindest in meinen Augen das Kriterium von Ockhams Rasiermesser, indem es alle mir bekannten Beobachtungen bezüglich Gehirn und Bewußtsein erklärt, ohne zu metaphysischen Argumenten zu greifen.

    Und ja, selbstverständlich ist alles, was wir erleben auf gewisse Art und Weise eine Illusion. Und genau deshalb bin ich auch äußerst skeptisch, wenn jemand etwas „wissen“ nennt, was er und ein paar andere gerne lautstark so hätten, ohne dass das durch kontrollierten wissenschaftlichen Versuchsaufbau prinzipiell von jedem Interessierten objektiv nachgeprüft werden kann.

    Und dass Wissenschaft nicht endgültig ist, ist mir völlig klar. Nicht nur mir, auch irgendwie sämtlichen Wissenschaftlern – und das sogar quasi per Definition! Denn die grundsätzliche Veränderbarkeit von dem was wir heute noch als Wissen ansehen durch logische Analyse und neue objektiv nachvollziehbare Entdeckungen ist das zentrale Kernfeature und nicht etwa ein Fehler der Wissenschaft.

  3. caedes sagt:

    Mal wieder ein schön geschriebener Artikel über das Thema =)

    Bisschen unpassend/verwirrend fand ich nur die in meinen Augen nicht wirklich zu Ende gedachte Behauptung mit dem Wachsen der Kreationistenbewegungen hier in Deutschland und deren mögliche Ursachen à la Privatfernsehen etc. … naja.
    Man sieht, da gibts nur wenig zu nörgeln. Ich les mich hier immer wieder gerne zu. =)

  4. elzoido sagt:

    @caedes Ach, in meinem Kopf ist das schon weitergedacht, keine Sorge. Aber solange das Problem noch nicht akut zu werden scheint, bring ich lieber andere Themen zu Papier bzw. zu Bits. Oder unterschätze ich etwa das Problem? Bin ja quasi TV-Verweigerer, aber es macht mir nicht den Eindruck, als liefe da signifikant Propaganda in die Richtung…

  5. caedes sagt:

    Ich glaub, du hast mich aflsch verstanden =)

    „Nicht zu Ende gedacht“ im Sinn von „nicht wirklich logisch in meinen Augen“. Ich glaub eben auch nicht wirklich, dass da noch was kommt in Deutschland in der Richtung … wie auch immer. =)

  6. elzoido sagt:

    Ah, jetzt, ja.
    Man weiß nie, wer was wie wo plant. Und lass mal bei Bertelsmann, Springer oder wie sie alle heißen, einen Fundi-Christisten an die Macht kommen, dann gute Nacht. (Hmm, Macht und Nacht, das reimt sich. Und was sich reimt, ist gut!)

  7. Ey Lou Flynn sagt:

    „Und nun kommen Gläubige daher und sagen voller Überzeugung: “Tjahaha! Klar, der Ball fiel jetzt 1 Million mal runter.“

    Also, nein, sorry – zumindest auf diesem Kontinent hier würden das die wenigsten Gläubigen sagen. Bleiben wir fair!

    Im 21. Jahrhundert an Gott zu glauben, heißt die die meisten Menschen *nicht*, Naturwissenschaften abzulehnen. Manche Menschen können in ihrem Kopf durchaus beides nebeneinander haben (und andere meinen eben, das das eine schließt das andere aus).

    Einen religiösen Glauben zu haben und seinen Glauben begründen können oder gar sogar überzeugt zu sein, ist auch noch etwas anderes, als zu „wissen“. Die meisten Gläubigen würden wohl nicht behaupten, dass sie *wissen*, sondern dass sie glauben. Sie nennen sich ja nicht „Wissende“.

  8. elzoido sagt:

    Ich find ja an der ganzen Geschichte auch hauptsächlich bemerkenswert, wie hier große Teile der Bevölkerung eine ganz offensichtliche kognitive Dissonanz aufzeigen.

    Ich kann ganz einfach nicht verstehen, wie eigentlich aufgeklärte Mitteleuropäer z.B. katholische Glaubensansichten nicht ohne großes Nachdenken aus dem Saal lachen (im übertragenen Sinne natürlich) – nehmen wir aus der reichhaltigen Auswahl von Spottzielen hier nur mal Verhütungsverbote, die scheinbar tatsächlich physikalische Umwandlung von Hostien in den Leib Jesus beim Abendmahl, die Vergötterung eines Übersetzungsfehlers („Jungfrau“ Maria)… OK, das geht nun nicht gegen Gottesglauben an sich, sondern eher gegen die Kirche, aber hier sammeln sich nunmal die Leute, die sagen, sie „wissen“, obwohl sie eigentlich „glauben“ meinen.

    Jedenfalls ist meine Erfahrung aus Diskussionen mit Gläubigen (und damit meine ich nun nicht nur der Glaube an Gott, sondern auch an anderen populären Hokuspokus wie Homöopathie, Erdstrahlen, Horoskope und was Esoterikanhänger sonst noch so zu bieten haben), dass man sich meist so lange als „gläubig“ betrachtet, bis konkrete, wissenschaftliche Argumente kommen, worauf dann viel zu oft das vermeintliche Gegenargument folgt: „Du kannst noch so viel Beweise bringen, ich WEISS dass ich Recht habe!“

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