Das Gehirn

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem alten elBloggo und die Fortsetzung von „Ein Gedankenexperiment“ und  „Newton, Licht, Quanten und billardspielende Roboter„]

Heute wollen wir uns hauptsächlich mit einer Frage beschäftigen: Wie funktioniert ein (menschliches) Gehirn?

Unbestritten ist das Gehirn ein hochkomplexer Gegenstand. Nicht nur sorgt es für „selbstverständliche“ Dinge wie Atmung und Herzschlag, es spendet uns auch (jedenfalls nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft) ein Bewusstsein, ein Gedächtnis, bewegt unsere Gliedmaßen und viel mehr. Ach ja, komplexe Mathematik und Physik kann es – so ganz nebenbei – auch, quasi ohne groß nachzudenken (man möge mir den Wortwitz verzeihen). Wer schonmal einen Ball gefangen hat und kurz darüber nachdenkt, dass alleine damit gewisse Berechnungen einhergehen müssen, wird mir da problemlos zustimmen.

Unser Gehirn besteht aus, wie sollte es auch anders sein, Gehirnzellen, genauer Nervenzellen. Man schätzt, dass ein normales Gehirn aus vielen Milliarden von Nervenzellen besteht (laut Wikipedia irgendwas zwischen 100 Milliarden und 1 Billion Stück). Zum (kruden) Vergleich: Heutige Prozessoren besitzen Transistoren in der Größenordnung von 1 Milliarde.  Die Komplexität des Gehirns ergibt sich dabei aus der Vernetzung dieser Zellen, Gehirnaktivität sind dabei elektrische Impulse, die zwischen den Zellen ausgetauscht werden. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass gewisse Bereiche des Gehirns tendenziell eher für gewisse Tätigkeiten zuständig sind, aber man ist weit davon entfernt zu verstehen, was in einem Gehirn passiert, genauso wie man auch schwerlich durch bloßes Betrachten eines Speicherbereiches im Computer auf den Speicherbereich in der Zukunft schliessen kann.

Nun ist das Gehirn, wenn man es auf zellularer Ebene betrachtet, zwar durchaus sehr komplex (und vermutlich zu komplex, als dass je ein anderes Gehirn der selben Größenordnung seine Funktionsfähigkeit komplett verstehen kann), aber alles andere als eine nichtdeterministische Maschine. Der Stand der Neurobiologie ist, dass alle Prozesse im Gehirn deterministisch sind, wenn man einen Gehirnzustand komplett erfasst hat, kann man (rein theoretisch) den nächsten Zustand daraus berechnen.

Nun haben wir ein Problem. Mit der Behauptung, dass das Gehirn streng deterministisch agiert, fällt quasi auch instantan unsere Überzeugung, so etwas wie einen freien Willen zu besitzen.

Was tun? Die Physiker haben eine Antwort darauf: Die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik. Mit der Bohmschen Mechanik ist die Sache relativ klar, es existiert kein Zufall, also ist an dieser Stelle auch kein Platz für freien Willen. Die Viele-Welten-Theorie ist, wie so oft, ein Mittelding – im Endeffekt läuft sie aber auch auf die Nichtanwesenheit eines freien Willens heraus, da wir keinen Einfluss darauf haben, in welcher Welt wir „gelandet“ sind. Meiner Meinung nach ist das einer der beiden Hauptgründe, warum viele Physiker ohne konkrete Anhaltspunkte an den Zufall im tiefsten Innern unserer Atome glauben. Der andere Grund ist Gott, aber das spar ich mir für einen weiteren Blogeintrag auf. Man konstruiert sich also quasi einen Einfluss der Quantenmechanik auf die Gehirnaktivitäten und sucht das, was wir als freien Willen empfinden genau dort.

Nur leider stört nicht nur mich daran mindestens eine fundamentale Überlegung: Nehmen wir entgegen der physikalischen, chemischen und neurobiologischen Erkenntnisse an, dass quantenmechanische Verhaltensweisen einen Einfluss auf Gehirnzellen haben, die immerhin jeweils aus grob 100.000.000.000.000 (1014) Atomen bestehen. Wie genau soll nun das Gehirn als Bewusstseinsquelle Einfluss auf diesen, laut Kopenhagener Deutung, subatomaren Zufall haben? Wenn das Gehirn das kann, warum gelingt es dann unseren kompliziertesten Meßaufbauten nichtmal ansatzweise?

Die andere Hauptfrage, die ich an dieser Stelle fragen muss, ist: Warum glauben so viele Menschen wegen überwältigender wissenschaftlicher Beobachtungen an so etwas wie Evolution, aber im quasi gleichen Atemzug lehnen gefühlt mindestens genausoviele Menschen die Nichtanwesenheit des freien Willens trotz ebenso überwältigender wissenschaftlicher Beobachtungen ab?

Liebe Blogleser, jetzt seid ihr gefragt: Glaubt ihr (noch) an euren freien Willen? Habt ihr euch vor dem Lesen dieses Blogeintrages schonmal darüber tiefergehende Gedanken gemacht?
Und denkt dran: Wenn ihr den freien Willen verteidigt, dann nur, weil ihr nicht anders könnt 😉

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2 Kommentare zu „Das Gehirn“

  1. Ey Lou Flynn sagt:

    Ich denke, was in der Physik wahr ist, muss für uns Menschen und unser Leben keineswegs wahr sein. Es gibt so viele unterschiedliche Realitäten und die Realität, mit der sich Physiker beschäftigen, so faszinierend sie auch sein mag, ist für unseren Alltag in vielen Fällen schlichtweg unbrauchbar.

    Nach unserem Empfinden können wir alle unbestreitbar freie Entscheidungen treffen. Oder nicht ganz so freie Entscheidungen. Oder anderen Leuten Ideen in den Kopf setzen. Oder bei unserem Gegenüber ein bestimmtes Verhalten provozieren, was allerdings oft genug nach hinten losgeht. Kurz gesagt erleben wir jeden Tag, dass wir durchaus einen freien Willen haben, der aber natürlich nicht losgelöst von äußeren Einflüssen arbeitet.

    Jetzt kommt der Physiker und erzählt etwas von chemischen Prozessen, Neuronen, Atomen und unbeeinflussbaren Kausalketten – und das ist wirklich alles sehr interessant. Aber der Physiker sollte auch einsehen, dass die Wahrtheit, die er messen kann, nicht die einzige Wahrheit ist. Sie hilft uns nicht einmal, die Welt um uns zu verstehen oder darin zu leben. Also tun wir das einzig Sinnvolle und leben lieber nach den Wahrheiten, die unserer Erfahrungswelt entsprechen und die (zumindest nach meinem Verständnis von „Wahrheit“) nicht weniger wahr sind als alles, was die Wissenschaft so rausfindet.

    Man möge nur mal versuchen, so etwas wie „Liebe“ aus neurobiologischer Perspektive zu erklären. Da könnte man garantiert stundenlang en detail drüber referieren und würde doch nicht mal ansatzweise verständlich machen, was Liebe für Menschen bedeutet.

    Im Übrigen ist die Wissenschaft auch in der Vergangenheit schon öfters zu „endgültigen Erkenntnissen“ gekommen. Diese Erkenntnisse können aber allesamt Blödsinn zu sein. Wir wissen zu wenig über die Welt, um das ausschließen zu können.

    Guter Kommentar? 😉

  2. caedes sagt:

    Joa, das ist eigentlich genau meine Ansicht der Dinge auch schon seit Jahren, nach ein bisschen Überlegen kommt man da ja auch selbst einigermaßen drauf (obwohl ich da noch nie wirklich speziell über Verbindungen mit der Quantenmechanik o. ä. nachgedacht habe, kenn mich in dem Gebiet selbst jetzt eh nicht besonders aus und meine jungkindliche Wenigkeit wird das auch erst nächstes Jahr mal in Physik kurz behandeln, naja).
    However, diese Illusion eines freien Willens finde ich sowieso ziemlich paradox und unwissenschaftlich, kann man ja schließlich NIE beweisen (Ja, beweis das mal, ziemlich schwierig ohne Paralleluniversenverbindungen, mit denen man das wenigstens „überprüfen“ könnte!).
    Ich versteh aber vor allem eher nicht wie man das NICHT verstehen kann, sondern immer überall nach einem Sinn suchen muss, nach einem Menschen, der über allem anderen steht aus weltbildlicher Sicht, natürlich nicht so funktioniert wie ein dummes, egoistisches und einfach gestricktes „Tier“, dem aber dann natürlich auch wieder immer obligatorisch ein Ich-Bewusstsein zugesprochen werden muss, sei es eine millimetergroße Spinne, die bei weitem kein Einzeichen hat von irgendeinem Bewusstsein, oder diverses anderes Krabbelzeugs, das so süß rumkrabbelt (Obwohl ja Einzeller und vor allem Pflanzen (!) natürlich wieder nicht soetwas wie ein Bewusstsein haben dürfen (von bestimmten Esokreisen mal abgesehen), nur weil sie eben kein auf die schnelle erkennbares Feedback abgeben auf Reize, obwohl das ja auch bewiesenermaßen ein irrtum ist).

    Und was „Liebe“ aus neurobiologischer Sicht bedeutet, wie sie funktioniert und enstanden ist, weiß man schon etwas länger =)

    Und bitte mehr Posts von diesem Thema, mehr mehr mehr!

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