Archiv für März 2010

Ein paar Gedanken zum Bildungsteil des Ludwigsburger Wahlprogrammvorschlags

Sonntag, 28. März 2010

[Vorweg: Alle Links, Zitate und Anmerkungen beziehen sich auf die Version vom 28. März 2010, 04:26 Uhr]

Der Ludwigsburger Piratenstammtisch hat sich die letzten Wochen zusammengesetzt und einen Vorschlag für ein Wahlprogramm für die 2011 anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg erarbeitet.

Warum man nicht lieber die Arbeit der AG Landespolitik BW unterstützt hat, um doppelte Arbeit zu vermeiden, hat mir bisher auch noch niemand erklären können, ohne mit trotzigem Aufstampfen zu reagieren – mein persönliches Begründungshighlight kam von einer dort mitarbeitenden Piratin, dass sie ja nicht jeder an den Terminen der Klausurtagungen Zeit hätte. Applaus ist hier angebracht.

Gut – wäre hier jetzt ein komplett sinnvolles Werk mit rotem Faden herausgefallen, wär das ja alles halb so schlimm. Aber ein paar Worte von mir als potentiellem Landtagskandidaten zu ausgewählten Punkten, die dort unter „Bildung“ laufen, will ich mir nicht verkneifen.

Schulen demokratisieren

Selbstbestimmung der Schule durch das Lehrerkollegium und Mitbestimmungsrecht der Schüler schafft faire Machtstrukturen.

An die demokratischen Entscheidungen des Kollegiums ist auch der Rektor gebunden. Die Schülermitverwaltung muss in Schülermitbestimmung umgestaltet werden, um eine Teilhabe an Entscheidungen zu ermöglichen. Bestehende Gesetze und Bildungspläne müssen selbstverständlich weiterhin eingehalten werden.

Inwiefern das Kollegium gegenüber dem Rektor stärker gestellt sein sollte, kann ich nicht abschätzen, man sollte hier aber auf jeden Fall bedenken, dass Lehrerzimmer im Allgemeinen eher keine intrigenfreie Zone sind. Oft ist die Hackordnung recht klar und nicht unwesentlich durch das Beamtengesetz geprägt.

Was mich hier eher interessieren würde, wo und bei was die Schüler mitentscheiden sollten.

Attention, students, this is Principal Skinner, your principal, with a message from the principal’s office. Report immediately for an assembly in the Butthead Memorial Auditorium. [to himself] Damn it, I wish we hadn’t let the students name that one.

The Simpsons – 2F05 – Lisa on Ice

Man kann das drehen, wenden, nichtgutfinden wie man will, aber Schüler sind im Allgemeinen Kinder und auch noch so viel Verantwortung wird einen 15-jährigen nicht am Kichern hindern, wenn er das Wort „Tittenmaus“ hört. Natürlich: demokratische Verantwortung muss man lernen, aber man muss hier sehr vorsichtig sein, nicht zu weit zu gehen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit zurück, wo wir Schüler demokratisch über den Namen eines an die Schule gespendeten Baumes entscheiden sollten. Der Name „Röntgengerät“ war, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, am Ende zumindest ganz oben mit dabei. Noch weiter zu gehen und Schüler über Dinge mitentscheiden zu lassen, die am Ende noch wesentliche Kosten verursachen können, ist hier hoffentlich nicht nur für mich indiskutabel.

Gemeinsamer Unterricht von 1. bis 9. Klasse durch Gemeinschaftsschulsystem

Statt des dreigliedrigen Schulsystems sollen Schüler ohne Selektion miteinander und voneinander lernen.

Die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems muss in Schritten, aber ausnahmslos stattfinden, unabhängig von der Schulform und Region. Behinderte Schüler sind durch die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention zu integrieren. Alle Schüler lernen gemeinsam und solidarisch bis zum Ende der neunten Klasse. Die individuelle Förderung der Schüler steht durch Differenzierung im Unterricht und bei der Umsetzung der Lehrpläne im Vordergrund. Leistungsdruck und Schulstress verringern sich, Schüler sind aus Freude am Wissen und Lernen motiviert. Ein Schulabschluss ist nach der neunten, zehnten oder mit Abitur nach der zwölften Klasse möglich. Ab der zehnten Klasse findet der Unterricht im für die Sekundarstufe II bewährten Kurssystem statt.

Dieser Absatz scheint direkt aus einem Paralleluniversum zu stammen. Und zwar aus dem, wo auch der Kommunismus funktioniert, weil alle Menschen gleich sind.

Kinder sind und bleiben unterschiedlich schlau, lernen unterschiedlich schnell und sind unterschiedlich begabt. Jeder Vorschlag, der diese grundsätzlichen Wahrheiten durch gutmenschliches Geschwafel wortreich wegzudefinieren versucht, ist absolut, völligst, zu 100% indiskutabel. Die schlaueren Schüler würden durch Langeweile extrem demotiviert, die weniger schlauen Schüler würden im Zweifelsfall nicht ordentlich mitkommen und durch daraus folgende schlechte Ergebnisse ebenso demotiviert.

Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass dieser Vorschlag von jemandem gemacht wurde, der noch nie Praxiserfahrung als Lehrkraft an einer Schule gemacht hat? Ich tippe auf eine 21-jährige Philosophie-, Soziologie- oder Pädagogikstudentin…

Das Wahlprogramm NRW ist hier an dieser Stelle übrigens in meinen Augen schon sehr viel weiter. Dort ist zwar vor allem die Finanzierungsfrage bzw. ob sich der Aufwand lohnen könnte, eher ungeklärt, aber durch ein konsequentes Kurssystem zeigt es zumindest in eine prinzipiell realistisch umsetzbare und visionäre Richtung.

Notengebung erst ab der siebten Klasse

Spaß am Lernen statt Konkurrenzdenken und individuelle Rückmeldung statt Demotivation durch Notenvergabe.

Finnland hat es erfolgreich vorgemacht. Da Noten erst ab der 7. Klasse vergeben werden, entsteht kein Konkurrenzdruck unter den Schülern, was ihrer Lernleistung zu Gute kommt. Jeder Schüler bekommt eine ausformulierte konstruktiv-informierende Bewertung, die sich an seinen Möglichkeiten orientiert und ihn in seinen Leistungen fördert.

Eine Folgeforderung könnte hier dann ein absoluter Kündigungsschutz für Lehrlinge sein, um die armen, zarten Pflänzchen beim Einstieg in die Berufswelt nicht zu überfordern.

Will sagen: Wer meint, sein Kind sei zu instabil um mit dem Notendruck klarzukommen, darf es gerne nach wie vor an eine Waldorfschule schicken. Aber ich möchte für meine (momentan imaginären) Kinder gerne die Wahl haben, ob ich ihnen diesen anthroposophischen und in meinen Augen weltfremden Blödsinn zumuten mag oder nicht. Und weiterhin bin ich der Meinung, dass Waldorfpädagogik, wenn überhaupt, die Ausnahme sein sollte und keinesfalls die Regel.

Ach ja, und allgemein: Das Wort „Finnland“ hat in einer Begründung für eine Schulreform nichts verloren. Hier lauert wieder die alte Falle vom Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation, die wir Piraten den anderen Parteien nur zu gerne (und das zu Recht) um die Ohren hauen.

Mehr Nutzung von freier Software und freien Inhalten

Freie Software ist kostengünstiger für Schulen und Eltern. Der Zugang ist damit in jedem Haushalt mit Computer gesichert.

Obwohl Lernmittelfreiheit besteht, wälzen Schulen Kosten auf Eltern und Schüler um, zum Beispiel bei der Anschaffung von Atlanten. Die Nutzung von freien bzw. kostenlosen Online-Angeboten und Software spart diese Kosten ohne Nachteile für die Schüler.

Die Lernmittelfreiheit ist ein sehr guter Punkt, der auf jeden Fall im Landesprogramm erwähnt werden sollte, aber das Beispiel hier ist nicht ganz so toll gewählt. Ein Buch aufzuschlagen und darin zu blättern, ist einfach ein ganz anderes Erlebnis, als wenn ich auf der Wikipedia oder in Google Maps und Konsorten umhersurfe.

So, das soll es einstweilen gewesen sein. Sollten mir noch weitere Gedanken kommen, nachdem ich den Rest des Wahlprogrammvorschlags gelesen habe, werde ich nicht zögern, diese hier zu veröffentlichen.

Das Gehirn

Samstag, 13. März 2010

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem alten elBloggo und die Fortsetzung von „Ein Gedankenexperiment“ und  „Newton, Licht, Quanten und billardspielende Roboter„]

Heute wollen wir uns hauptsächlich mit einer Frage beschäftigen: Wie funktioniert ein (menschliches) Gehirn?

Unbestritten ist das Gehirn ein hochkomplexer Gegenstand. Nicht nur sorgt es für „selbstverständliche“ Dinge wie Atmung und Herzschlag, es spendet uns auch (jedenfalls nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft) ein Bewusstsein, ein Gedächtnis, bewegt unsere Gliedmaßen und viel mehr. Ach ja, komplexe Mathematik und Physik kann es – so ganz nebenbei – auch, quasi ohne groß nachzudenken (man möge mir den Wortwitz verzeihen). Wer schonmal einen Ball gefangen hat und kurz darüber nachdenkt, dass alleine damit gewisse Berechnungen einhergehen müssen, wird mir da problemlos zustimmen.

Unser Gehirn besteht aus, wie sollte es auch anders sein, Gehirnzellen, genauer Nervenzellen. Man schätzt, dass ein normales Gehirn aus vielen Milliarden von Nervenzellen besteht (laut Wikipedia irgendwas zwischen 100 Milliarden und 1 Billion Stück). Zum (kruden) Vergleich: Heutige Prozessoren besitzen Transistoren in der Größenordnung von 1 Milliarde.  Die Komplexität des Gehirns ergibt sich dabei aus der Vernetzung dieser Zellen, Gehirnaktivität sind dabei elektrische Impulse, die zwischen den Zellen ausgetauscht werden. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass gewisse Bereiche des Gehirns tendenziell eher für gewisse Tätigkeiten zuständig sind, aber man ist weit davon entfernt zu verstehen, was in einem Gehirn passiert, genauso wie man auch schwerlich durch bloßes Betrachten eines Speicherbereiches im Computer auf den Speicherbereich in der Zukunft schliessen kann.

Nun ist das Gehirn, wenn man es auf zellularer Ebene betrachtet, zwar durchaus sehr komplex (und vermutlich zu komplex, als dass je ein anderes Gehirn der selben Größenordnung seine Funktionsfähigkeit komplett verstehen kann), aber alles andere als eine nichtdeterministische Maschine. Der Stand der Neurobiologie ist, dass alle Prozesse im Gehirn deterministisch sind, wenn man einen Gehirnzustand komplett erfasst hat, kann man (rein theoretisch) den nächsten Zustand daraus berechnen.

Nun haben wir ein Problem. Mit der Behauptung, dass das Gehirn streng deterministisch agiert, fällt quasi auch instantan unsere Überzeugung, so etwas wie einen freien Willen zu besitzen.

Was tun? Die Physiker haben eine Antwort darauf: Die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik. Mit der Bohmschen Mechanik ist die Sache relativ klar, es existiert kein Zufall, also ist an dieser Stelle auch kein Platz für freien Willen. Die Viele-Welten-Theorie ist, wie so oft, ein Mittelding – im Endeffekt läuft sie aber auch auf die Nichtanwesenheit eines freien Willens heraus, da wir keinen Einfluss darauf haben, in welcher Welt wir „gelandet“ sind. Meiner Meinung nach ist das einer der beiden Hauptgründe, warum viele Physiker ohne konkrete Anhaltspunkte an den Zufall im tiefsten Innern unserer Atome glauben. Der andere Grund ist Gott, aber das spar ich mir für einen weiteren Blogeintrag auf. Man konstruiert sich also quasi einen Einfluss der Quantenmechanik auf die Gehirnaktivitäten und sucht das, was wir als freien Willen empfinden genau dort.

Nur leider stört nicht nur mich daran mindestens eine fundamentale Überlegung: Nehmen wir entgegen der physikalischen, chemischen und neurobiologischen Erkenntnisse an, dass quantenmechanische Verhaltensweisen einen Einfluss auf Gehirnzellen haben, die immerhin jeweils aus grob 100.000.000.000.000 (1014) Atomen bestehen. Wie genau soll nun das Gehirn als Bewusstseinsquelle Einfluss auf diesen, laut Kopenhagener Deutung, subatomaren Zufall haben? Wenn das Gehirn das kann, warum gelingt es dann unseren kompliziertesten Meßaufbauten nichtmal ansatzweise?

Die andere Hauptfrage, die ich an dieser Stelle fragen muss, ist: Warum glauben so viele Menschen wegen überwältigender wissenschaftlicher Beobachtungen an so etwas wie Evolution, aber im quasi gleichen Atemzug lehnen gefühlt mindestens genausoviele Menschen die Nichtanwesenheit des freien Willens trotz ebenso überwältigender wissenschaftlicher Beobachtungen ab?

Liebe Blogleser, jetzt seid ihr gefragt: Glaubt ihr (noch) an euren freien Willen? Habt ihr euch vor dem Lesen dieses Blogeintrages schonmal darüber tiefergehende Gedanken gemacht?
Und denkt dran: Wenn ihr den freien Willen verteidigt, dann nur, weil ihr nicht anders könnt 😉

Zwischendurch eine kleine Lobhudelei für die Free! Music! Week!: Ey Lou Flynn #37cc

Montag, 8. März 2010

Irgendwie schließt sich der Kreis ein wenig, die Musikpiraten haben mich auf den Künstler gebracht und nun benutze ich sie, um mit meinem leicht ungelenk anmutenden Review von Ey Lous Erstlingswerk wieder ein wenig platonische Liebe zurückzugeben. Tolles Ding, dieses Internet, nichtwahr?

Begonnen hat es, als ich im Herbst 2009 den Free! Music! Sampler! auf mein getreues Billig-MP3-Werbegeschenk-Abspielgerät holte. Anlass waren meine zarten ersten Überlegungen, mal wieder mit Freunden in Heidelberg ein kleines Festival namens „Rock im Feld“ zu veranstalten, nur diesmal, im Gegensatz zu früher, absolut GEMA-frei und komplett mit freier Musik. Ein Lied auf dem Sampler stach aus der Masse raus und blieb im Gehörgang kleben, das war das Laternenlied von Ey Lou Flynn. Als ich dann bei Jamendo weiter in die Richtung grub, stieß ich recht fix auf sein Album „Naja, ich hab mein Bestes gegeben“ und spätestens nach dem Afghanen im Opener Muuh! war ich am Haken.

Ehrenwort, gute Musik verdient Unterstützung, also hab ich das Album recht fix auch gekauft (inzwischen kann man es sich auch vom Maestro persönlich parfümiert schenken lassen) und selbstverständlich meinen Bekannten- und Verwandtenkreis auch aktiviert und dabei auch schon eine gute Handvoll neue Fans generiert.

Ey Lou Flynn beschreibt seine Musik als „Klingt wie platonische Liebe beim Seitensprung“. Das klang vor dem ersten Hören zwar schon irgendwie seltsam, danach fällt mir allerdings keine bessere Beschreibung ein. Liebe Leser (Ihr beiden da hinten im Eck, ihr seid gemeint!), wenn ihr einen Sinn für Humor habt, dann bleibt euch quasi gar nichts anderes übrig, als Ey Lou zu hören und Ey Lou zu lieben! Mehr kann und will ich über das Album und die diversen weiteren Songs hier gar nicht schreiben, da jeder Versuch meinerseits, die geballte Kreativität in Worte zu fassen, nur mir einer Horde heulender Kleinkinder enden kann.

Der Kreis schließt sich natürlich nicht so komplett, ich werde nach wie vor die neusten Eskapaden (wie zum Beispiel in letzter Zeit ein Behind-The-Scenes-Bericht des neusten Musikvideos) verfolgen, die neue Musik hören, die neuen Alben kaufen und in ein paar Jahren, wenn der Ey Lou Flynn das Münchener Olympiastadion füllt, stolz den jungen Dingern meine Erstauflage der ersten CD vorzeigen und mit verträumtem Blick von Früher[tm](c) erzählen.

Ey Lou Flynn – mach weiter so. Ich hätte gern soviel Kreativität und Sinn fürs Texten und Komponieren, wie du alleine vermutlich im kleinen Finger der linken Hand hast, das würd mir dann vermutlich schon absolut ausreichen.

Google Street View und andere Bedrohungen für die Privatsphäre

Sonntag, 7. März 2010

Das Thema „Google Street View“ kocht derzeit mal wieder hoch: Ganze Gemeinden hören im Zweifelsfall auf einzelne, aber dafür umso lauter schreiende, Bürger und fordern Google auf, doch bitte keine Autos durch die Gegend zu schicken; den Schaum vor den Lippen unserer werten Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner  kann man ihren Pressemitteilungsauswürfen deutlich entnehmen.

Nur eins wird übersehen: Die plakativ geführte Debatte gegen den derzeitigen Trendgegner Google geht aber sowas von am eigentlichen Problemkern vorbei, dass es beinahe schmerzt. Aber heutzutage ist man  ja leider nichts anderes aus der CSU- und Journallien-Ecke gewohnt.

Google schickt also Autos durch die Straßen, die Bilder machen. Bilder vom öffentlichen Raum, zwar  leicht über normaler Augenhöhe, aber durchaus nicht aus obszöner Höhe und auch nicht fernab öffentlich befahrbarer Straßen. Diese Momentaufnahmen werden genutzt, um Straßenbilder nicht nur „von oben“ visualisierbar zu machen, sondern um Weg- und Ortsbeschreibungen frauentauglich zu machen [Kurze Abschweifung: Das ist nun keinesfalls diskriminierend oder sexistisch gemeint, meine Erfahrung hat mich nur  gelehrt, dass Wege von Männern im Allgemeinen eher mit „der dritten Straße rechts“ beschrieben werden, während man bei Frauen tendenziell eher „dann direkt nach dem gelben Haus“ abbiegt.], sowie auch allgemeine Bildeindrücke von Wegzielen, besonderen Strecken und Städten zu schaffen. Dass nebenbei auch Routenanweisungen abfallen und somit Google unter anderem in den USA schon mit „eigenen“ Daten Wegbeschreibungen machen kann, während hierzulande entsprechende Daten noch zugekauft werden, will ich hier nicht weiter erwähnen.

Im Allgemeinen ist das ein Dienst, den „man“ haben will – so hat zum Beispiel die Piratenpartei Heilbronn auf ihrer Seite eine entsprechende Visualisierung, um das Klub Sofa, in dem der Stammtisch stattfindet, besser finden zu können.

Wo liegt nun das Problem?

Nunja, mein persönliches Lieblingsargument hier ist die Privatsphäre von Häusern. Ausserdem wird immer und immer wieder behauptet, dass Menschen erkennbar  und Autokennzeichen identifizierbar seien. Dann seien Menschen ja nicht nur aufgrund ihres Gesichts, sondern auch anhand von T-Shirts, Körperformen oder sonstigen Merkmalen erkennbar und somit beispielsweise der Ehemann beim Bordellbesuch ertappbar. Zusätzlich sei es eine Verletzung der Privatsphäre, dass die Bilder aus einer leicht höheren Lage als der genormten mitteleuropäischen Augenhöhe gemacht werden und somit ein Sichtschutz eventuell umgangen werden könnte. Dann könnten sich ja Scoringunternehmen wie die allseits beliebte Schufa ein Bild von der Nachbarschaft machen, um das dann positiv oder negativ auf Kredite auswirken zu lassen. Ach ja, fast hätte ich die Einbrecher und Terroristen vergessen, die so lohnenswerte Ziele ausmachen können, ohne Gefahr zu laufen, vor Ort beim Auskundschaften erwischt zu werden.

Schlimm, nichtwahr?

Uhm, nein, eher nicht.

  • Standardmäßig werden Menschen und Autokennzeichen automatisiert unscharf gemacht. Das kann zwar in Einzelfällen schiefgehen, ich verfolge Street View aber nun schon eine ganze Weile und habe noch kein einziges Mal ein Autokennzeichen lesen können, meist werden sogar die Schweinwerfer als Kennzeichen erkannt und unscharf gemacht. Auch identifizierbare Gesichter habe ich bisher keine gefunden und selbst wenn das mal der Fall sein sollte, gibt es nach wie vor direkt eine Möglichkeit, das entsprechende Bild Google zu melden, um es manuell nachbearbeiten oder gar entfernen zu lassen.
  • Menschen können durchaus auch identifizierbar sein, ohne dass man das Gesicht sieht. Bei Street View wird aber grundsätzlich nichts abgelichtet, was nicht auch der Nachbar, ein Verwandter oder Bekannter zufällig beim Vorbeifahren sehen könnte – mit dem Unterschied, dass wir bei Street View absolut von einer im Zweifelsfall jahrealten, wenn nicht irgendwann sogar mal jahrzehntealten Momentaufnahme reden, die zur Not bei einer zentralen Anlaufstelle gemeldet und gelöscht werden kann.
  • Auch die Über-Augenhöhe stimmt im Prinzip, aber wenn man das als Problematisch erachtet, sollte man eigentlich die Satellitenbilder von Google Maps, NASA World Wind, Bing Maps und zahlreichen anderen Anbietern nochmal um einiges problematischer finden, da hier ein Zaun-Sichtschutz ja quasi komplett umgangen wird.
  • Das Schufa-Argument. Auch absolut unbrauchbar, entsprechende Nachbarschaftsauswertungen liegen den Scoringunternehmen im Zweifelsfall schon länger vor, als es Google überhaupt gibt. Ja, das ist schon eher ein datenschutzrechtliches Problem, aber durchaus keines, woran Google irgendwie Schuld hat.
  • Das Argument mit den Bösewichtern ist in meinen Augen auch nicht viel substanzhaltiger, einerseits wieder weil es sich um eine Momentaufnahme handelt und andererseits weil ein Sicherheitssystem, das komplett von außen sichtbar ist, sein Geld eher nicht wert sein dürfte.

Es gibt ja durchaus Argumente, die rein theoretisch irgendwie sinnvoll erscheinen können. Häuser und Autos von Menschen, die mit dem Internet nix zu tun haben, werden ungefragt „ins Internet“ gestellt. Die dahinterliegende Annahme, dass ebendiese Menschen das aber nicht wollen, scheint mir aber zumindest aufgrund unrepräsentativer Umfragen in meiner Offline-Verwandschaft und -Bekanntschaft recht weit hergeholt, hier trifft man nach Erklärungen eher auf ein uninteressiertes Schulterzucken oder sogar Stolz, weil man ja nun mit der Zeit geht und auch „im Internet“ ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe bisher kein einziges Argument gehört, das die höchst subjektive „Das will man“-Karte übertrumpft und ich persönlich freue mich drauf, virtuell durch Köln, Berlin oder auch Kernen wandern zu können, aber einstweilen werd ich halt mit Madrid, New York, Sydney, Florenz, London, Prag oder sonstigen eher uninteressanten Zielen auskommen müssen.